Liao Yiwu

Für die Freiheit der Anderen kämpfen

Liao Yiwu

Für die Freiheit der Anderen kämpfen - Dreißig Jahre nach dem Massaker auf dem Tian'anmen Platz


Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels (2012) im Gespräch mit der Historikerin Irmtrud Wojak


Liao Yiwu, geboren in der chinesischen Provinz Sichuan, dessen Vater als Gegner der Kulturrevolution angeklagt wurde, wuchs in großer Armut bei seiner Mutter auf. 1989, als er sein berühmt gewordenes Gedicht "Massaker" während der brutalen Niederschlagung der von Studierenden ausgegangen Proteste auf dem Tian'anmen Platz schrieb, war Liao Yiwo längst ein bekannter Schriftsteller und Lyriker, allerdings stand seine Dichtung in China auf der "Schwarzen Liste". Das Gedicht "Massaker" führte zwei Jahre nach seiner weltweiten Verbreitung zu einer vierjährigen Haftstrafe, die der Schriftsteller nur knapp überlebte. Als er 2007 mit dem Freedom to Write Award des Unabhängigen Chinesischen P.E.N.-Zentrums ausgezeichnet wurde, verhinderte die chinesische Regierung diese Anerkennung. Jahrelang konnte der Dichter nicht ausreisen, sein 2009 erschienes Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser - Chinas Gesellschaft von unten war in seinem Land verboten. Erst nachdem 2011 sein Buch Für ein Lied und hundert Lieder erschienen war, Liao Yiwus schonungsloser Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen, gelang ihm die rettende Flucht nach Deutschland.

Hier ist jetzt auch sein neues Buch, Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand: Texte aus der chinesischen Wirklichkeit, im S. Fischer Verlag mit bislang unveröffentlichten Texten erschienen. Die Titelgeschiche gilt dem Unbekannten, der sich 1989 vor die anrollenden Panzer stellte und damit das Massaker für einen kurzen historischen Moment aufhielt. Bis heute wurde nicht aufgeklärt, wieviele Menschen bei dem Massaker rund um den Platz des Himmlischen Friedens erschossen wurden. In seinem Buch Die Kugel und das Opium veröffentlichte Liao Yiwu 2012 eine Liste der "Mütter des Tian'anmen Platz" mit den Namen und Kurzbiographien von 202 Todesopfern, darunter viele Kinder und Jugendliche.

Unser Dank gilt dem Kämpfer für des Menschen Rechte und seit 2012 Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Liao Yiwu, sowie Stefanie Speermann (Speermann Arts) für ihre Gastfreundschaft und Stephan Knies (Hamburg) für seine besondere Unterstützung unserer Gesprächs und unserer Filmaufnahmen von der einzigen Aufführung des Gedichts "Massaker" 2019 in Deutschland im Garten von Speermann Arts in Murnau am Staffelsee. Wir durften die Aufführung in der wunderbaren Umgebung der Berge filmen, deren Schönheit Liao Yiwu für die Aufführung ausgesucht hat und die an diesem Tag nichts zu wünschen übrig ließ. Die Filmaufnahme der Aufführung wird in Kürze auf dem Fritz Bauer Blog abrufbar sein. (Red.)



IW: Lieber Herr Liao, zuerst möchte ich Ihnen danken, dass wir uns heute hier in dieser schönen Umgebung treffen und dieses Gespräch führen können. Das ist für uns eine große Freude und Ehre. Ich denke nicht, dass es den Anlass des 30. Jahrestages des Massakers vom 4. Juni 1989 braucht, dass wir miteinander ins Gespräch kommen, aber Ihr Gedicht schon. Was hat Sie dazu bewegt, das Gedicht „Massaker“ zu schreiben?

LY: Wenn es den 4. Juni vor dreißig Jahren nicht gegeben hätte, hätte ich sicherlich einen anderen Lebensweg eingeschlagen. Und ich würde auch nicht hier, Ihnen gegenüber, sitzen, um über dieses historische Ereignis zu sprechen. Ich war damals eigentlich ein anarchistischer Poet und als die Studentenbewegung angefangen hat, war ich auch mal in Peking. Aber ich wollte nicht zu tief in die Politik und in die Protestbewegung involviert sein. Ich war ein Anhänger der Beat Generation, wie Allen Ginsberg oder Jack Kerouac, war begeistert von ihrer Literatur und ihrem Lebensstil. Und ich wollte mich weiter von der Politik fernhalten. Aber das Massaker hat mich verändert. 

Ein paar Stunden vor dem Massaker bekam ich Besuch von einem kanadischen Freund, ein Sinologe (Michael Day, d. Red.). Er hat mich in meinem Heim besucht und ein Radiogerät mitgebracht. Dadurch konnten wir die ausländischen Sender hören, zum Beispiel BBC. Im Radio hörten wir die Schüsse und die Schreie und dann die Panzer rollen. Wir konnten die Schrecken der Menschen sehr gut nachempfinden. Ich hatte in meinem Leben noch nie so ein schreckliches Gefühl durch das Hören von Radio bekommen, wie durch das Miterleben der Geschehnisse in Peking. Dann habe ich das Gedicht geschrieben und auf einem Tonband aufgezeichnet. Jeder von uns hat zwei Kassetten gehabt und wir haben die Kassetten immer wieder kopiert. Das sind viele, viele Kopien geworden, und die verbreiteten sich in über zwanzig Städten in ganz China. 

Als ich zwei Jahre später verhaftet und verurteilt wurde, hat ein Polizist am Gericht einen ganzen Korb voll vor den Richter getragen, der beschlagnahmt worden ist. Der Richter sagte zu mir: „Das ist dein Verbrechen. Es ist so offensichtlich, es liegt jetzt wie ein Berg hier vor dir. Und die Strafe, die du jetzt bekommst, ist zu leicht für dich.“ Es waren mehrere Dutzende Menschen, die im gleichen Fall verhaftet wurden. Ich wurde am Bahnhof in Chongqing verhaftet. Als ich den Bahnhof betrat, wurde ich von Polizisten in Zivil zu Boden geworfen, mit einem Wagen verschleppt und ins Gefängnis gebracht. Als ich in das Gefängnis kam, haben sie mich ausgezogen, obwohl es März und noch sehr kalt war. Dann haben sie mich am ganzen Körper durchsucht, mich auf den Boden gedrückt und mit einem Stäbchen in meinen Anus reingestochen und dort inspiziert, ob ich etwas in das Gefängnis mitgenommen habe. Dann hat mich jemand geschoren, mir die Haare abgeschoren. Ich habe sofort das Gefühl gehabt, ich habe meine Würde verloren, bin überhaupt kein Poet mehr. Dieser Poet ist schon längst gestorben. Ich habe zweimal versucht, mir das Leben zu nehmen und jegliche Folter im Gefängnis erlebt. 

Obwohl ich es geschafft habe, lebend herauszukommen und im Gefängnis von einem alten Mönch sogar chinesisches Flötenspielen gelernt habe, kam ich enttäuscht und verzweifelt aus der Haft. Alle Freunde hatten Angst vor mir. Sie mieden mich wie die Pest. Einmal kurz treffen, ein kurzes Mittagessen, das war es, dann wollten sie überhaupt keinen Kontakt mehr mit mir haben. Ich war für sie wie eine Schande oder eine gefährliche Krankheit. Ich hatte sogar das Gefühl, dass ich nicht aus einem edlen Grund im Gefängnis saß, sondern wirklich wie ein "normaler" Verbrecher. Ich hatte auch Angst, dass ich von der Welt vergessen werde und das trieb mich an, zu schreiben. Ich musste meine Geschichte und die Geschichte vieler anderer Menschen aufzeichnen, denn wenn ich das nicht tat, würde ich sie vergessen und die Erinnerung an sie ginge verloren. Selbst wenn ich das nicht veröffentlichen konnte, könnte ich es wenigstens schaffen, dass für die Geschichte und Erinnerung eine Aufzeichnung erhalten bleiben würde. So habe ich das Buch geschrieben, das es in deutscher Übersetzung gibt: Für ein Lied und hundert Lieder. Ich habe es dreimal geschrieben, weil mir die Manuskripte immer wieder von der Polizei weggenommen wurden.


Das Gefängnis war mein Lehrer, es war meine Universität


IW: Wo haben Sie in den zwei Jahren bis zu Ihrer Verhaftung gelebt? Wie konnten Sie diese zwei Jahre in China überleben? Und warum hat das Gedicht eigentlich in dieser Geschwindigkeit einen solchen Nerv getroffen? Oder auch welchen Nerv hat es getroffen, dass die Staatsmacht so grausam darauf reagiert hat?

LY: Das Gedicht "Massaker" war einfach ein Schreien der Verzweiflung von mir. Und wenn Sie am 2. Juni hier im Zelt bei der Aufführung dabei sein können, werden Sie das nochmal erleben. Und die Zuschauer werden das auch erleben. Wir werden das nochmal auf die Bühne bringen. Ich habe das Gedicht überall in der Welt vorgetragen. Und jedes Mal kommt die Erinnerung hoch, die Erinnerung an die Radiosendung, die ich gehört habe, an diese Geräusche von marschierender Armee und von den verzweifelten Chinesen, ihr Weinen und ihr Schreien. Ich habe über mich selbst während dieser Zeit nicht viel nachgedacht, über mein eigenes Schicksal und was mit mir passieren könnte. Im Nachhinein denke ich, dass ich auch ein bisschen Glück hatte. Jemand hat zu mir gesagt: Wärest du innerhalb von drei Monaten nach dem Massaker festgenommen worden, wärst du wahrscheinlich nicht mehr aus dem Gefängnis rausgekommen. Weil das eine Verhaftungswelle, eine Welle von harten Bestrafungen war, und ich bin ungefähr zwei Jahre nach dem Schreiben von "Massaker" festgenommen worden. Aber ich habe auch nicht sehr viel darüber gedacht. Ich habe meinen Preisfür das, was ich getan habe, gezahlt. Und jetzt, dreißig Jahre später, wenn ich zurückblicke, bereue ich das nicht. Das Gefängnis war mein Lehrer, es war meine Universität. Wir sagen in China, und ich denke, es gibt einen solchen Spruch auch in Europa oder Deutschland: Es war Schicksal. Und jetzt, dreißig Jahre später, sitze ich hier in Deutschland und werde ich von Ihnen interviewt. Ja, das ist eine lange Zeit, dreißig Jahre. Aber ich sehe, das war mein Schicksal.

IW: Das heißt, Sie haben damals nicht damit gerechnet, dass das Regime, dass die Regierung so brutal reagiert. Viele Ihrer Weggefährten oder auch Sie selbst sagen, als Sie aus dem Gefängnis kamen, haben Sie Ihr Land nicht wiedererkannt, sie konnten sich menschlich nicht mehr zurechtfinden. Hat das auch mit der politischen Entwicklung zu tun? Mit der internationalen Entwicklung seit 1989, der Öffnung Chinas und, ja, eigentlich mit dem Beginn eines aggressiven Kapitalismus in China?

LY: Während der Protestbewegung am Tian’anmen Platz haben die Chinesen geglaubt, dass sie mit ihren eigenen Bemühungen, mit ihrem harten Kampf, dies verwirklichen können: Werte wie Demokratie, Freiheit und Menschenrechte im eigenen Land zu haben. Jeder Mensch hat einen Traum. Und jeder Mensch hat einen guten Traum. Mein Traum war damals zwar ein bisschen anders, es war der Traum, ein Poet zu sein wie Allen Ginsberg oder wie die anderen Literaten der Beat Generation. Die meisten Menschen, die "normalen" Bürger, glaubten an die Gerechtigkeit, an die Verwirklichung von Gerechtigkeit in unserem Land. Deshalb sind die Studentenführer auch in Verhandlungen mit der Regierung eingetreten. Sie waren sehr naiv und haben geglaubt, dass die Gerechtigkeit in China verwirklicht werden kann. Aber das Regime hat mit Kugeln, mit Waffen geantwortet. Sie haben mit Kugeln und mit Panzern die Träume der Menschen zerstört, vernichtet. Millionen Pekinger Bürger waren auf der Straße, um etwas gegen die Armee zu unternehmen und die Studierenden zu schützen. Sie haben mit ihrem Leben gekämpft und viele haben ihr Leben verloren, weil sie an unser Vaterland geglaubt haben, vor allem an die Freiheit für unser Vaterland geglaubt haben. Das war ein einmaliges Ereignis. 

Später, nach dem Massaker, besonders mit dem Aufstieg des Turbokapitalismus, hat das Regime dem Volk Opium verschrieben. Mitschuld trägt auch der Westen, weil sie geglaubt haben, dass Kapitalismus in China zur Demokratie führen kann. Sie haben nicht gesehen, dass Kapitalismus und Diktatur einen gemeinsamen Glauben haben und das ist Geld. Kapitalismus und Diktatur haben zusammengearbeitet. Die chinesische Wirtschaft hat mehrere Aufstiege erlebt, "Große Sprünge nach vorne" (1) bis zur heutigen Größe gemacht. Das ist dem Westen zu verdanken, diese Chance hat ihr der Westen gegeben. Mit den westlichen Technologien und Kapital haben sie es geschafft, das Land von Grund auf zu verändern. Die westlichen Konzerne haben natürlich auch sehr viel Geld in China verdient. Die naive Vorstellung vom Anfang, dass Demokratie durch Kapitalismus entstehen könnte, ist dem Westen allrdings mittlerweile schon egal. 

Was China betrifft, sind viele Menschen aus dem Land ausgewandert, aus China weggegangen. Zuerst waren es die hochrangigen Beamten, die Parteifunktionäre und ihre Familienangehörigen, die Geschäftsleute, die superreich sind. Dann die großen Stars aus der Unterhaltungsbranche. Die "normale2 Bevölkerung hat das gesehen und konnte keine Hoffnung auf Gerechtigkeit mehr haben, weder auf Gerechtigkeit, noch auf eine Verbesserung für das eigene Leben. Sie haben nur noch gesehen, diejenigen, die das schaffen können, haben das Schiff längst verlassen, sind vom Schiff gesprungen. Das war für sie eine ernüchternde Wahrheit und danach wollten sie selbst auch nicht mehr in China bleiben. Wenn sie es schaffen konnten, würden sie aus China abhauen. Niemand aus der "normalen" Bevölkerung möchte in China weiter für Demokratie kämpfen. Terror und Verzweiflung waren die mächtigen Waffen, die das Regime benutzt hat, um die Menschen zu kontrollieren. Deshalb finde ich, mein Gedicht heute nochmal vorzutragen, es überall in der Welt nochmal vorzutragen, hat eine Bedeutung. Ich möchte die schöne Zeit vor 1989 wieder zurückholen und sie den Menschen im Westen ebenfalls nochmal präsentieren. Auch um zu zeigen: Ich habe mich nicht sehr verändert. Ich bin meinem Traum oder dem chinesischen Traum von damals treu geblieben. Ich gehöre zu den wenigen Menschen, die sich nicht viel verändert haben.

IW: Wie ist es Ihnen gelungen, ins Exil zu gehen?

LY: Ich habe ein Buch geschrieben. Das Buch wurde in Deutschland mit dem Titel Fräulein Hallo und der Bauernkaiser veröffentlicht. Es war bei der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2009 dabei, als das Gastland dieser Messe China war. Eine große Delegation von chinesischen Schriftstellern, mehr als 130 Schriftsteller, waren da. Sogar Xi Jingping persönlich war da. Nur ich konnte nicht aus China ausreisen, und das wurde ein Riesenskandal, weil mein Buch in Deutschland einen sehr guten Ruf genießt und sich auch sehr gut verkauft hat. Ich konnte nicht ausreisen, und ich wusste auch nicht, dass in Deutschland so ein Skandal durch diese große Delegation chinesischer Schriftsteller und meine Abwesenheit produziert wurde. Plötzlich hatte ich viele Anfragen von Interviews durch westliche Journalisten. Dadurch ist mein Buch noch bekannter geworden. 2010 habe ich die Einladung bekommen, zu einem Literaturfestival nach Deutschland zu kommen, aber ich durfte noch immer nicht ausreisen. Bundeskanzlerin Merkel hat sich für mich eingesetzt, es wurde sogar ein Sondergesandter aus Deutschland nach China, zum Deutschem Konsulat nach Chengdu, geschickt, um mit der chinesischen Seite zu sprechen und zu versuchen, mich nach Deutschland zu dem Literaturfestival zu holen. 

Aber es war nicht erfolgreich. Als dieser Sondergesandte mich besucht hat, habe ich der Kanzlerin gedankt, ihr durch ihn auch eine DVD geschenkt. Das war eine chinesische Raubkopie des deutschen Films DAS LEBEN DER ANDEREN. Das war mein Geschenk für Frau Merkel. Ich habe gehofft, dass sie sich weiter für mich einsetzen wird, für meine Ausreise. Später habe ich nochmal versucht, auszureisen, da wurde ich sogar direkt vom Flugzeug von vielen bewaffneten Polizisten abgeführt. Dieser Skandal war noch größer und der deutsche Außenminister hat zu diesem Fall sogar eine Erklärung abgegeben. 

Dann, im September 2010, konnte ich endlich zu einem Literaturfestival nach Deutschland kommen. Viele Freunde haben da versucht, mich zu überreden, in Deutschland zu bleiben, aber ich wollte nicht hierbleiben. In China habe ich noch viele Freunde, ich kann kein Deutsch sprechen, und also bin zurückgegangen. Aber gleich darauf folgte der Arabische Frühling, der auch China erfasste und die politische Stimmung war sehr sensibel. Da habe ich wieder Angst bekommen, dass ich nie wieder aus China würde ausreisen dürfen, obwohl mein Buch Für ein Lied und hundert Lieder bald in Deutschland veröffentlicht werden sollte, und dann die chinesische Version in Taiwan. Mein Verlag hat mir mitgeteilt, dass sie besorgt um meine Sicherheit sogar die Veröffentlichung verschieben oder absagen wollten. Das war für mich ein Wendepunkt, für die Veröffentlichung meines Werkes wollte ich unbedingt noch einmal etwas wagen. Ich habe die kriminelle Bande an der Grenze zu Vietnam bestochen und die haben wiederum die chinesischen Zollbeamten bestochen  – an der Grenze zu Vietnam gibt es sehr viel Korruption und mit Geld kann man viele, viele Dinge erreichen. Tatsächlich habe ich viel Geld ausgegeben, bin dann über die Grenze nach Vietnam ausgereist und schließlich nach Deutschland gekommen.
 

Das chinesische Regime hat nach dem Massaker jegliche Legitimität verloren


IW: Herr Liao, ich habe den Eindruck, dass Sie, was die aktuelle Situation in China und die Menschenrechtsbewegung angeht, nicht sehr optimistisch sind. Sie haben gesagt, viele Menschen verlassen das Land oder werden das Land noch verlassen. Die nächste Exilbewegung komme aus China. Haben Sie gar keine Hoffnung, was die Menschenrechtsanwälte und -anwältinnen aktuell in China angeht, ihre Bemühungen um eine Demokratisierung und stärkere Achtung der Menschenrechte?

LY: Als ich 2012 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm, habe ich eine Rede in der Paulskirche gehalten. Die Rede heißt: "Dieses Imperium muss auseinanderbrechen". Meiner Meinung nach hat das chinesische Regime nach dem Massaker auf dem Tian'anmen Platz jegliche Legitimität verloren und sie haben China in einen Riesenmarkt und zugleich auch in einen Riesenmüllhaufen umgewandelt. 

Was die Menschenrechtsanwälte angeht, gibt es auch keinen Grund, optimistisch zu sein. Über Nacht wurden über zweihundert Anwälte verhaftet. Sogar Putin ist nicht so weit gegangen. Das war diese sogenannte „sieben null neun“ Verfolgungswelle gegen Menschenrechtsanwälte. Zum Beispiel der Anwalt Wang Yu (s. a. das Interview mit Prof. Dr. Eva Pils über das Schicksal von Familie Wang), er war für mehr als tausend Tage verschwunden und man wusste nicht, wo er geblieben ist, nicht mal seine Frau konnte ihn finden. Alles lief im Geheimen, seine Verhaftung und seine Haft und dann auch die Verurteilung. Man konnte für solche Anwälte auch nicht viel tun, außer die Stimme zu erheben und im Westen über sie zu erzählen. Im Westen habe ich in den letzten Jahren auch gesehen, dass die Kraft, die der Westen für solche Menschenrechtskämpfer gegen das chinesische Regime einsetzt, nachgelassen hat. Gegen solche schlimmen Fälle gab es nur Proteste vom Menschenrechtsbeauftragten des Außenministeriums, keine andere höhere Stelle oder Staatsoberhäupter, die sehr klar einen Protest eingelegt hätten. Das war für mich eine Verschlechterung. Als ich nicht aus China ausreisen konnte, hat sich sogar Frau Merkel für mich eingesetzt. Aber heutzutage, die Bemühungen vom Westen, etwas für die Menschenrechtsanwälte zu tun, sind nicht tatkräftig genug. 

Und jetzt ist für den Westen ein neuer Zeitpunkt gekommen: nicht um China zu helfen, demokratischer zu werden, sondern um die eigenen Werte gegenüber der Aggression der chinesischen Diktatur zu verteidigen. Es ist wie ein Handelskrieg zwischen Demokratie und Diktatur. Entweder China exportiert seinen Terror, Überwachung und Diktatur in den Westen, oder der Westen kann sich durchsetzen, und Demokratie und Menschenrechte nach China exportieren. Keiner von uns möchte eine Welt wie 1984 haben, aber das chinesische Regime oder die chinesische Kommunistische Partei glauben sehr, sehr fest an die technologischen Fortschritte. Sie glauben, wenn sie bessere Technologien haben, dann können sie alle Kräfte besiegen. Sie sind auch auf dem Weg dahin. Wenn wir auf die menschliche Geschichte schauen, da gab es den Konflikt zwischen Sparta und Athen. Am Ende hat die Demokratie von Athen nicht viel gebracht und wurde von einem militaristischen Sparta besiegt. Im Westen müssen sie die Tendenz und diesen Zustand richtig und klar erkennen. Als Schriftsteller, das mag sein, äußere ich mich ein bisschen pessimistisch, aber ich habe nie aufgehört, mich zu bemühen, durch das Geschichtenerzählen, durch Veranstaltungen wie am zweiten Juni hier in Murnau, diesen Zustand der ganzen Welt aufzuzeigen.

IW: Ich danke Ihnen sehr für diese klare Einschätzung, die die Bedrohung der Menschenrechte durch ökonomische Interessen deutlich macht und natürlich auch die Aufgabe, die wir hier haben und was wir tun müssen. Zum Schluss würde ich Ihnen gerne noch eine Frage stellen, nachdem wir Sie so viel ausgefragt haben: Gibt es etwas, was Sie noch nicht gefragt worden sind, uns aber gern noch sagen möchten?

 

Mein Beruf ist Schreiben und Zeugnisablegen für die Welt


LY: Die Dinge, die ich erzählt habe, muss ich immer wiederholen. Mein Dolmetscher, Peigen Wang, hat mir immer zum Vorwurf gemacht (lacht): Das hört sich wie ein immer wieder und immer wieder an. Das klingt in der Tat ziemlich langweilig, aber ich muss sagen, ich habe keine andere Wahl. Mein Beruf ist Schreiben und Zeugnisablegen für die Welt, für die Geschichte. Der Grund dafür, das ich mich immer Wiederholen muss, ist, dass die Menschen in einer demokratischen Gesellschaft Freiheit, Demokratie, Menschenrechte für umsonst halten, sie manchmal solchen Werten gegenüber auch ein bisschen Gleichgültigkeit zeigen. Und ich finde, das ist keine Haltung. Deshalb muss ich diese Dinge einfach immer wieder in Gesprächen oder in meinem Schreiben betonen und erwähnen. 

Ich habe eine gewisse Bekanntheit in Deutschland und ich finde auch relativ leicht Gehör. Deshalb muss ich einfach diese Kräfte nutzen, die Werte, die in unserer Gesellschaft so wichtig und wertvoll sind, hochzuhalten und sie zu verteidigen. Zum Beispiel habe immer wieder über Li Bifeng (2) erzählt und auch über ihn geschrieben, tatsächlich sind viele Deutsche auch von meiner Geschichte beeindruckt. Manche Deutsche sind sogar extra nach China gereist nach Chengdu, wo Li Bifeng eingesperrt ist, um ihn im Gefängnis zu besuchen. Das finde ich sehr gut. Einmal war Frau Bundeskanzlerin Merkel zu Besuch in Chengdu, da hat sie plötzlich zu dem begleitenden Beamten in Chengdu geäußert, dass sie Li Bifeng im Gefängnis besuchen wollte. Das hat diesen Beamten einfach in Schrecken versetzt. Das fand ich sehr gut und ist der Grund, warum ich die gleichen Fragen oder den gleichen Stoff immer wiederhole. 

Es gibt verschiedene Religionen und Glauben in dieser Welt. Christliche, Buddhismus, Islam. Als ehemaliger politischer Häftling ist mein Glaube einfach: für die Freiheit der Anderen kämpfen! Das ist mein Glaube, das ist meine Religion.

IW: Vielen Dank, Herr Liao, für das Gespräch.

 

Mehr über den Kampf um des Menschen Rechte in China im Interview mit der Juristin Eva Pils, Kings College London, die unter anderem über die Bewegung der chinesischen Menschenrechtsanwälte forscht.

 

Anmerkungen

(1) "Großer Sprung nach vorne" war eine mit Zwangskollektivierungen einhergehende ökonomische Kampagne der Regierung Mao Zedongs, die Ende der 1950er in die größte Hungersnot der Geschichte mündete und Millionen Menschen das Leben kostete.

(2) Li Bifeng ist ein chinesischer Schriftsteller, der seit 1998 inhaftiert ist. 2012 wurde er ohne Gründe und entgegen weltweiter Proteste erneut zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Liao Yiwu schreibt über ihn in seinem Buch Die Kugel und das Opium. Leben und Tod am Platz des Himmlischen Friedens. Frankfurt am Main: Fischer, 2012: "Li Bifeng, Dichter in hoffnungsloser Lage (zweimal verurteilt zu ingsgesamt 12 Jahren wegen Aufwiegelung)", S. 290 ff.


Kontakt: info@fritz-bauer-blog.de
Fotos: ©Buxus Stiftung (Eschenlohe); für die Skulptur/ Pferdefigur im Header: Stefanie Speermann (Murnau)
Übersetzung: Peigen Wang (Hannover)
Kamera: Jakob Gatzka (Vierkirchen)



Zitat: Liao Yiwu, "Für die Freiheit der Anderen kämpfen. Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels im Gespräch mit der Historikerin Irmtrud Wojak", in: Fritz Bauer Blog, 14. Juli 2019, URL: https://www.fritz-bauer-blog.de/de/startseite/liao