„Es geht ums Überleben“

Claus Peter Reisch und Mission „Lifeline“ handeln

 

Von Irmtrud Wojak


Wir sprechen über Leben und Tod, sonst würde niemand sich auf diesen oft tödlich endenden Weg über das Mittelmeer wagen, das macht der Kapitän des Seenotrettungsschiffes der Mission „Lifeline“, Claus Peter Reisch, in seinen Interviews immer wieder deutlich. Und wir sind mitverantwortlich, da die Ursachen der Flucht, die Gewalt und Armut als Folge von wirtschaftlicher Ausplünderung, Waffengeschäften und nicht zuletzt unumkehrbarer Umwelt- und Klimaverschmutzung von uns mit zu verantworten sind. Ebenso, dass die Häfen von Malta und Italien für die Rettungsschiffe verschlossen sind und die Seenotrettungsschiffe von NGOs ausgebremst werden. Ja, den Rettern sogar in zynischer Weise vorgehalten wird, sie würden das Geschäft, das Schlepper mit Geflüchteten machen, durch ihre Anwesenheit anheizen, wären demnach Schuld am Massengrab Mittelmeer.

Es ist noch nicht lange her, da mussten Hundertausende aus Europa nach Übersee und in die entferntesten Winkel unseres Planeten fliehen. Für sie gab es keine Überlebensmöglichkeit mehr, zuerst in Deutschland, dann in vielen Ländern Europas. Ganz gleich weshalb sie verfolgt wurden, ob als Juden, Sinti und Roma, „Asoziale“, Kommunisten, Sozialdemokraten, oppositionelle Christen, Zeugen Jehovas usw., sie konnten, wenn überhaupt, oft nur mit der Unterstützung von solchen Schleppern fliehen. Die israelische Holocaust-Gedenkstätte ehrt mit ihrer Anerkennung der „Gerechten unter den Völkern“ nicht zufällig diejenigen, die uneigennützig halfen und damals kein Geschäft aus ihrer Rettungsaktion machten. 

Kaum jemand würde heute auf die Idee kommen, die Menschen, für die es keine Überlebensmöglichkeit mehr bei uns gab, wären nur geflohen, weil ihnen Schlepper den Weg dazu eröffneten. Geschweige denn auf den Gedanken, diejenigen, die sich an den illegalen Grenzübertritten, Schiffskarten und Fluchtrouten bereicherten, zu den eigentlich Verantwortlichen für die Fluchtwelle zu erklären. 

Und was die Kapitäne der Rettungsschiffe betrifft, die Geflüchtete vor dem Zugriff der Nazis und den Lagern zu retten versuchten: Sie wurden später mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet, wie Gustav Schröder, dessen Irrfahrt mit 906 Geflüchteten als „Reise der Verdammten“ verfilmt wurde. Mit dem Schiff „St. Louis“ wurde ihm die Landeerlaubnis auf Kuba und in den USA verwehrt, was den Tod eines Großteils der Flüchtlinge während der nationalsozialistischen Besatzungszeit in Europa bedeutete, denn dorthin musste er seine Schützlinge rettungslos zurückbringen.

 

Erinnern bedeutet, Menschenrechte verteidigen


Viel ist in diesen Tagen von einer Kultur der Erinnerung die Rede, von der Notwendigkeit, unsere Demokratie zu stärken. Was werden wir antworten können, wenn in nicht ferner Zukunft die Frage kommt: „Was habt Ihr getan, als die Menschen, die vor Krieg, politischer Verfolgung und Folter, aus Hungersnot und bitterster Armut geflohen sind, zu Hunderten im Mittelmeer ertrunken sind?“ Dass der Kapitän der „Lifeline“, Claus Peter Reisch, einen Orden bekommen hat für seinen uneigennützigen Einsatz, aber sein Schiff nicht auslaufen durfte und es keinen Hafen in Europa gab, wo Gerettete aufgenommen wurden? Dass der Kapitän der „Lifeline“ Preise bekommen und Radiosendungen machen konnte, soviel er wollte, aber solange die Politik sich uneins ist und das Anwachsen der Rechtspopulisten fürchtete, wir auch nichts machen  konnten? Oder dass wir nichts tun wollten, weil wir Angst vor der AfD und dem neuen-alten Nationalismus und Rassismus haben?

Jahrelang wurde die Parole „Aus der Geschichte lernen!“ verbreitet und fast schon wie ein Mantra vor uns hergetragen. Nie wieder dürften Kinder von ihren Eltern getrennt werden, nie wieder Menschen unter solch unwürdigen Bedingungen ihre Heimat verlassen und fliehen müssen. Nein, nichts ist so wie damals, keiner muss heute vor Nationalsozialisten aus Europa fliehen und das Verbrechen des Holocaust war in seiner Perversion des Rechts und seiner Inhumanität  einmalig. Die Entscheidung, in was für einem Land wir leben wollen, stellt sich aber gleichwohl täglich. Wo die Mehrheit gegenüber der menschlichen Katastrophe schweigt und stillhält, haben die wenigen Angst- und Scharfmacher, die Rassisten, Nationalisten und Antisemiten, nämlich schon gewonnen. Wir sind es, die ihnen diese Macht geben. Und passiert nicht längst das Schlimmste, wenn Menschen vor unseren Augen zu Hunderten im Mittelmeer ertrinken?

Sich zu erinnern, bedeutet die Erkenntnis zu leben, dass wir entschlossen für die Menschenrechte eintreten, seien es die eigenen oder die von Anderen. Es ist unser Recht und unsere Pflicht, „Nein“ zu sagen, das heißt Widerstand zu leisten, wenn die Menschenwürde verletzt wird. Das ist und bleibt, wie Fritz Bauer sagte, die Lehre aus den NS-Prozessen. Es ist und bleibt unser Pensum.

Auf dem Fritz Bauer Blog und unserem YouTube-Kanal haben wir jetzt unser Film-Interview mit Claus Peter Reisch publiziert. Sie können Mission „Lifeline“ und die Rettungsschiffe auch mit Spenden unterstützen: Mission Lifeline e.V., IBAN: DE85 8509 0000 2852 2610 08, BIC: GENODEF1DRS, Volksbank Dresden e.G.

Das Interview mit Claus Peter Reisch entstand im September 2018: Zum Transkript.


Interview: Dr. Irmtrud Wojak
Film: Jakob Gatzka
Foto im Header: Hermine Poschmann
Transkription: Antonia Samm und Dr. Irmtrud Wojak
Kontakt: info@fritz-bauer-blog.de


Zitation: Irmtrud Wojak, "Es geht ums Überleben. Claus Peter Reisch und Mission 'Lifeline' handeln", Fritz Bauer Blog, 27. Januar 2019: https://www.fritz-bauer-blog.de/de/startseite/aktuell/wojak-es-geht-ums-ueberleben-claus-peter-reisch-und-mission-lifeline-handeln