Claus-Peter Reisch

"Ich muss schauen, dass möglichst viele überleben"

„Ich muss schauen, dass möglichst viele überleben“

Claus-Peter Reisch, Kapitän des Seenotrettungsschiffes, über die "Mission Lifeline“

 

Im Gespräch mit Dr. Irmtrud Wojak

 

 

„Unser Zaun beginnt schon mitten in Afrika“


IW: Herr Reisch, unser Zaun, sind das unsere Häfen?

CPR: Unser Zaun beginnt nicht bei den Häfen. Unser Zaun beginnt ja eigentlich schon mitten in Afrika. Wenn man sieht, dass jetzt gerade, mit unter anderem erheblicher deutscher Hilfe, in Mali und in Niger sozusagen der Stacheldraht ausgerollt wird, so dass die Schlepper, und dort sind es Schlepper, keine Menschen mehr durch die Wüste bringen können. Die Hauptverkehrsrouten werden geschlossen und kontrolliert, ebenso die Wasserstellen, so dass die Schlepper auch kein Wasser mehr besorgen können, für ihre Passagiere. Man weicht dann von den Hauptrouten auf Nebenrouten aus, also mitten durch die Wüste, und wenn so ein Auto dann stehen bleibt, ist das letztlich gleichbedeutend mit dem Verlust des Lebens aller, die in diesem Auto gefahren sind. Es passiert auch immer wieder, die Bilder gibt’s ja, Fahrzeuge die umringt sind mit ausgetrockneten Leichen. 

IW: Das heißt, die Menschen kommen gar nicht mehr letztendlich bis nach Libyen, ans Mittelmeer. Sie sterben vorher in der Sahara oder schon längst vorher. 

CPR: Ja. Die fallen vom LKW, bleiben liegen, wenn sie krank werden, dann werden sie von den Schleppern und Schleusern nicht weiter mitgenommen, und dann sterben sie einfach schon auf dem Weg von ihren Heimatländern auf dem Weg nach Libyen. Das gibt’s wirklich nicht nur ein Mal. Wir sprechen ja, wenn wir die Gelegenheit haben, mit den Flüchtlingen. Wir fragen sie, woher sie kommen, wie die Reise verlaufen ist, wo sie waren.

IW: Ich hab gestern eine Zahl gehört, dass seit dem Jahr 2000 35 000 Menschen, die Dunkelziffer ist sicher höher, auf diesem Weg gestorben sind. Durch die Wüste. 

CPR: Das glaub ich sofort. Ich bin selber mit dem Motorrad mehrfach in der Wüste gewesen, ich hab' mich Gott sei Dank nie verfahren, aber...

IW: Das heißt Sie kennen Afrika aus eigener Erfahrung? Aus eigener Anschauung?

CPR: Ja. 

IW: Sie haben sich dann auch ganz andere Gedanken über die Fluchtursachen gemacht, oder?

CPR: Ja. Ich bin 1988 mit dem Motorrad von Tunis nach Togo und von Togo nach Ruanda gefahren, also einmal komplett in den Süden, nach Westafrika, dann nach Ostafrika, und ich hab damals schon viele Dinge gesehen, Fluchtursachen gesehen, die zwar bis heute besprochen werden, aber in diesen dreißig langen Jahren niemals abgestellt wurden.

IW: Und was meinen Sie da? Was haben Sie gesehen?

CPR: Zum Beispiel mit den Hühnchen-Abfällen aus Europa. Der Europäer ißt ja von Hühnchen nur die Brust und die Schenkel, bleiben dann noch die Wings, aber das war´s, und der Rest, die Hälse und Karkassen werden zusammengepresst und eingefroren, und dann zu Billigstpreisen nach Afrika verhökert, subventioniert, das Zeug muss ja irgendwo hin. Das wird dann zu Preisen auf den Markt geworfen, mit denen kein afrikanischer Geflügelzüchter bestehen kann. Das geht einfach nicht. Da gibt es in Kamerun und Nigeria ein paar passende Beispiele dafür, war auch unlängst erst eine Sendung im Fernsehen darüber, da konnte man das genau sehen, dass jetzt die Geflügelzucht in Kamerun wieder aufgenommen wird, von Leuten die aufgegeben hatten. Warum? Weil Kamerun sich getraut hat, zu sagen: Wir erlassen ein Einfuhrverbot für diese Abfälle. Ich bezeichne das immer als Abfälle, ich hab das damals gesehen und hab mir gedacht, was haben die hier für gefrorene Abfälle rum liegen? Kühlketten gibt es in Afrika auch nicht, also ist das oftmals sehr mit Salmonellen oder mit anderen Krankheitserregern behaftet. Das ist auch für die Gesundheit der Menschen nicht zuträglich. 

IW: Ein anderes Problem ist ja wahrscheinlich das Abfischen der Meere vor den afrikanischen Küsten, oder? Haben Sie das damals auch schon gesehen? Also man denkt ja heute immer das Problem sei so neu! Man hat auch immer wieder diese Überraschung erlebt, dass sich diese Menschen auf den Weg machen, was mich ehrlich gesagt immer wundert.

 

„Da ist eine komplette Wertschöpfungskette kaputtgemacht worden“


CPR: Also mit eigenen Augen hab ich damals vor dreißig Jahren dieses Abfischen der Meere, zum Beispiel vor dem Senegal, nicht gesehen, ich weiß nicht, ob es das damals schon gab, ich war ja nicht im Senegal. Aber man kann das ja an den Fernsehberichten sehen, die senegalesische Atlantikküste, die war mal sehr, sehr fischreich, die korrupte Regierung hat die Fischereirechte an die EU verkauft, die Spanier fischen dort mit großen Fabrikschiffen das Meer leer und die einheimischen Fischer fangen nichts mehr. Im Senegal war Fisch, der auch getrocknet ins Hinterland verkauft worden ist, mal die Eiweißquelle Nummer eins. Diese Zeiten sind lange vorbei. Mittlerweile ist im Senegal der Fisch so teuer, dass die Einheimischen diesen Fisch nicht mehr kaufen können. Aber auch die Menschen, die in dieser, - Fischerei-Industrie, kann man nicht sagen -, ich sag mal in dem Fischereihandwerk beschäftigt waren, stehen ja jetzt auch arbeitslos 'rum. Der Fischer, der das Netz fertigt oder repariert, der den kleinen Außenborder repariert, der Händler, derjenige der diesen Fisch trocknet, und so weiter und so fort. Da ist eine komplette Wertschöpfungskette kaputtgemacht worden. Und die Leute müssen ja trotzdem ihre Familie ernähren. Und irgendwann machen die sich auf den Weg. Da gibt´s noch mehr so Beispiele. Aber ich muss mich dann nicht wundern, wenn es an der Tür klingelt. Die Menschen wollen überleben, die haben einen Überlebenswillen, wie wir ihn genauso auch hätten. 

IW: Ja, das meinte ich vorhin mit dem Schiff, das ich erwähnt hab. Die Menschen sind ja auch geflohen, das war lange vor dem Holocaust. Im Jahr 1939. Sie sind geflohen, weil sie hier nicht mehr überleben konnten. Genauso, wie sie später aus den von den Nazis besetzten Ländern Europas geflohen sind. Zu Tausenden, Zehntausenden. Heute spricht man dann immer von Wirtschaftsflüchtlingen, mit etwas despektierlichem Unterton. Aber es geht ums Überleben, oder?

CPR: Das ist der springende Punkt. Ob jetzt jemand aus dem Grund flieht, weil er politisch verfolgt wird oder aus religiösen Gründen verfolgt wird, oder auch aus anderen Gründen, oder aus wirtschaftlichen Gründen letztlich auch verfolgt wird. Es geht ums nackte Überleben. Und da ist dann die Fluchtursache letztlich egal. Es geht ums Überleben. Da würde jeder, auch Sie und auch ich, natürlich die Koffer packen und schauen, dass ich hier wegkomme. Ist doch ganz klar. 

IW: Ja, oder sogar, was Sie auf dem Schiff sicher auch häufig erleben, dass sie Jugendliche alleine auf den Weg schicken. Dass Eltern ihre Kinder auf den Weg schicken. Damit wenigstens sie überleben können. 

CPR: Ganz furchtbar, wenn man dann die unbegleiteten Minderjährigen sieht, wie wir sie ja auf dem Schiff auch hatten. Wir hatten bei diesen 235 Menschen, die wir auf dem Schiff hatten, 77 unbegleitete Minderjährige. Einen Fall fand ich ganz besonders krass, das war ein 12-jähriger, mit zwei 13-jährigen unterwegs. Das hab ich zuerst mal nicht wirklich geglaubt und hab mir das dann noch mal bestätigen lassen. Ich war völlig fassungslos. 

IW: Woher kamen sie? 

CPR: Sie waren aus Somalia. 

 

„Wir sind eine Art Notarzt“


IW: Sie sagen ja, dass Ihre Arbeit als Seenotretter eigentlich keine Flüchtlingshilfe ist. Aber das ist so schwierig zu trennen, oder nicht?

CPR: Wir sind eine Art Notarzt. Wir sind besser ausgestattet als ein Notarztwagen, wir haben sechs medizinische Fachkräfte auf dem Schiff mit dabei. Einen Arzt, vier Rettungssanitäter, eine Intensivkrankenschwester, einen Medizinstudenten im zehnten Semester. Wir sind wirklich gut aufgestellt. Und wir sind eigentlich nicht darauf ausgelegt und wollen es eigentlich auch gerne vermeiden, dass wir Menschen auf unser Schiff nehmen und dass wir dann die Menschen irgendwo hinbringen. Wir machen das natürlich im Notfall, wenn wir dazu gezwungen sind, das haben wir ja jetzt auch gezeigt, dass wir das können, aber eigentlich sind wir so eine Art first responder, wir fahren hin, sichern die Leute, wir sichern, dass sie nicht ertrinken, und dann würden wir eigentlich gerne ein Schiff der europäischen Marine, ein italienisches Küstenwachschiff oder ein Handelsschiff, dazu holen, das die Menschen dann letztlich aufnimmt und an einen sicheren Ort bringt. Damit wir möglichst lange im Einsatzgebiet bleiben können. Wenn wir mit den Menschen wegfahren müssen, dann sind die, die am Tag danach kommen ja alleine. 

IW: Das ist gar nicht so gedacht gewesen, wie das jetzt passiert ist, dass Sie die Menschen in Not aufnehmen, sondern Sie sind sozusagen die „erste Hilfe“?

CPR: Genau. So verstehen wir uns. Wir sind nicht primär dazu da, dass wir die Menschen in einen sicheren Hafen bringen. Wenn wir das tun müssen, dann tun wir das natürlich. Aber wir sind vom Prinzip her keine Fähre. Das ist ein 32-Meter-Schiff, 32 Meter lang, sieben Meter breit, aber halt nur an der breitesten Stelle sieben Meter breit, der Bug läuft bekanntermaßen spitz zu, und wir waren dann mit 252 Personen auf diesem Schiff.

IW: Mit einer Crew von wieviel Personen?

CPR: 18 Personen. 

IW: Wie kommt diese Crew zusammen? Wie wird sie ausgewählt, wer ist dabei?

CPR: Unsere Crew-Managerin, die Hermine, die verwaltet sozusagen unseren „Personalpool“, wenn ich das so sagen darf, und daraus werden dann für die Mission ganz zielgerichtet nach Qualifikation die Besetzungen der einzelnen Positionen ausgesucht. Man muss ja auch immer Leute finden, die gerade zu dem Zeitpunkt, an dem die Mission stattfindet, auch Zeit haben, wir versuchen möglichst viele Crewmitglieder zu haben, die bereits einen Hintergrund haben aus einer Mission. Also mehr wie ein Mal gefahren sind. Das ist ganz, ganz wichtig.

IW: Die melden sich dann bei Ihnen? Bewerben sich da: „Wir möchten mitmachen!“

CPR: Ja. Wir kriegen jede Menge Bewerbungen, wir können nicht alle Menschen, die sich bewerben, berücksichtigen, wir müssen nach den Qualifikationen auswählen. Das ist halt einfach mal so. Was wir immer suchen sind Leute, die sich mit Schiffsmaschinen auskennen, Schiffsbetriebstechniker, Schiffsingenieure, das ist so ein heikler Punkt, da gibt’s nicht so viele, das ist eher so ein Mangelberuf, dann die Nautiker und Ärzte sind auch noch ein Problem. Es gibt auch viele Leute die sagen: „Ich bin schon mal Schlauchboot gefahren, ich könnte Euer Schlauchboot fahren.“ Aber ein Schlauchboot auf dem Ammersee oder auf der Donau fahren, das ist was völlig anderes als ein 120 PS-Einsatzboot bei zwei Meter Seegang zu bewegen. Da greifen wir dann gerne auf Leute zurück, die das schon mal gemacht haben. 

IW: Also ein bisschen Erfahrung mitbringen

CPR: Ja genau

 

"Helper, helper, I kill you, I kill you!"

 

IW: Wie gefährlich ist so eine Mission?

CPR: Da wir sehr stark auf Sicherheit achten, ich bin da fast ein Fetischist was das betrifft, bei mir gibt es keine abgelaufenen Feuerlöscher oder sowas, die Rettungsmittel müssen immer aktuell gewartet sein. 

Dass wir nicht zu einem Kindergeburtstag fahren, muss jedem klar sein, aber es gab jetzt auch auf dieser Mission genauso wie bei den anderen Missionen, die ich bis jetzt gefahren bin, keine gravierenden Dinge, was die Gesundheit betrifft. Also solange die Libyer nicht schießen und wir nicht auf irgendwas drauffahren, das im Wasser schwimmt und wir nicht sehen, ein Container oder sowas, halte ich das vom Prinzip her nicht für wahnsinnig gefährlich. Der Kontakt mit den libyschen Behörden ist dann eine andere Nummer, sie haben ja, als wir sie noch nicht mal sehen konnten, also nur auf dem Radar identifiziert hatten, über Funk durchgesagt: „Helper, helper, I kill you, I kill you!“. Diesen Funkspruch der Libyer haben wir dann auch aufzeichnen können, wir schneiden Gespräche auf der Brücke zum Großteil mit, das hat uns schon sehr verwundert. Die Libyer schießen ja auch schon mal auf ein deutsches Kriegsschiff, das haben sie auch schon gemacht, auf die „Mecklenburg Vorpommern“. Oder auf ein italienisches Küstenwachschiff oder auf die „Lifeline“. Auf mein Schiff ist ja vor Libyen auch schon geschossen worden. Sie schießen halt immer daneben, Gott sei Dank, aber man weiß halt nicht, wo das tatsächlich enden kann. 

IW: Also es sollen Warnschüsse sein, oder? 

CPR: Ja. In internationalen Gewässern übrigens. Wir fahren ja nicht in die Zwölf-Meilen-Zone ein, das halten wir für nicht zielführend, außer wir haben Deckung durch europäisches Militär, wenn wir eine Rettungsaktion innerhalb der zwölf Meilen fahren müssen, auf Anweisung der Seenotstelle in Rom, würden wir das tun, allerdings nur mit Militärschutz. Mit den Libyern möchte ich mich nicht anlegen. 

IW: Wie muss man sich den Ablauf so einer Mission vorstellen? Sie stechen in See, bekommen Sie eine Anweisung, wo Sie jetzt hinfahren oder fahren Sie Richtung libysche Küste und kreuzen und schauen, ob Sie dort Menschen in Not sehen, auf dem Radar sehen? Oder wie muss man sich das vorstellen? 

CPR: Es ist grundsätzlich so, dass das Schiff und somit auch der Kapitän die Geschicke des Schiffes auf See in eigener Verantwortung bestimmt. Wir finden die Menschen in Not, die Schlauchboote und Holzboote zum Teil durch Sichtungen, die durch Suchflugzeuge ausgelöst sind. Da gibt es insgesamt drei Flugzeuge. Eines schaut aus wie eine „Transall“, das kennt man ja, die Bundeswehr hat die auch. Die fliegt von Mallorca aus los, in der Nacht, und über die tunesische Grenze dann in das Suchgebiet westlich von Tripolis und dann über die östliche Seite wieder zurück. Die suchen gezielt mit Wärmebildkameras und Ferngläsern. Das ist ein Seeaufklärer auf der Suche nach Booten in Not. Ganz klar. Das ist mal das eine.

Dann gibt´s privat finanzierte Suchflugzeuge, wie zum Beispiel die „Moonbird“, das steht auf Malta und darf derzeit nicht starten, weil es einfach keine Starterlaubnis bekommt. Die fliegen dann, sobald sie Personal und Geld haben, ebenfalls in diesen zwei SAR-Zonen. 

Dann sind wir natürlich auch mit eigenen Sichtungen unterwegs. Tagsüber sind immer vier bis fünf Personen mit Ferngläsern im Ausguck, die suchen das Meer ab. Das können wir deutlich schlechter als die Suchflugzeuge. Wir können zehn Quadratkilometer in einer Stunde absuchen, ein Flugzeug ungefähr tausend. Das ist eine ganz andere Hausnummer. Nachts haben wir unser Hochleistungsradar laufen und da wir vom Prinzip her wissen, von welchen Städten die Boote ablegen, das kriegen wir raus, indem wir die Menschen die wir retten, fragen: „Von welchem Ort seid ihr losgefahren?“ Dann heißt es: Sabratha, Zuwara, und so weiter. Somit wissen wir, wo die Aktivitäten der Schleuser stattfinden. Wir überlegen uns dann anhand des Wetterberichtes, anhand der Windrichtung, anhand der Strömung die gerade herrscht, wo diese Boote vermutlich unterwegs sein werden. Das ist alles reine Spekulation und Intuition. Dann positionieren wir uns in der Nacht an einer Stelle ,von der aus wir in unsere Suchgebiete losfahren. Wir scannen dieses Gebiet mit dem Radar ab und wenn wir Glück haben und die See ist flach, dann haben wir mit unserem Radargerät eine Chance, diese Boote zu finden. Wie wir auch in dieser Nacht, in der wir diese 235 Menschen an Bord genommen haben, drei Boote gefunden haben. Eines haben wir ja verloren, durch den Einsatz der Libyer, die uns ja in internationalen Gewässern letztlich gestoppt hatten. Sie sind ja auch bei uns an Bord gewesen und wollten die Menschen zurückhaben.

IW: Sie haben ja dann auch mit ihnen gesprochen, oder?

CPR: Ja, musste ich ja. Während dieser Geschichte hatten wir zwar auf der Brücke das Radargerät gut beobachtet, aber irgendwann war dieses dritte Schlauchboot sozusagen vom Radar verschwunden. Wir haben dann später gehört, dass es von Libyern gefunden worden ist, aber bei dieser Rettung hatte es aber leider fünf Menschenleben zu beklagen gegeben. Fünf Personen haben diese sogenannte Rettung nicht überlebt. Bei uns kommt sowas nicht vor.

IW: Das Schlauchboot, dass Sie dann gerettet haben, da waren auf diesem einen Boot alle diese Menschen?

CPR: Nein, es waren zwei Schlauchboote. 

IW: Zwei? 

CPR: Also wir hatten ja drei Ziele auf dem Radar und sind dann systematisch das erste Ziel angefahren, haben festgestellt, das ist ein Schlauchboot mit circa 120 Personen, das kann man von der Größe des Schlauchboots ungefähr abschätzen, wieviele Personen da ungefähr drinsitzen. Das Schlauchboot machte einen sehr, sehr instabilen Eindruck, nachdem wir es evakuiert hatten, wussten wir auch warum. Dieses Schlauchboot hatte eine bisher noch nicht gesehene Bodenkonstruktion. Das kann man sich vorstellen wie eine halb aufgeblasene Luftmatratze, die sich auf einem Badesee in der Mitte bewegt. Und so eine Luftmatratze hat ja Eigenbewegungen. Jetzt sitzen da aber 120 Menschen drin, und wir hatten den Eindruck, dass dieses Schlauchboot kurz davor ist, auseinanderzufallen. Diese Schlauchboote kann man sich nicht so vorstellen, wie die, die wir aus Mitteleuropa kennen. Diese Schlauchboote sind eine bessere LKW-Plane. Die sind ja auch nicht dafür gebaut, jemals irgendwo anzukommen. Das ist qualitativ eine Katastrophe. Diese Schlauchboote versagen auch von jetzt auf gleich. Also wir erleben da zum Beispiel, da reißt eine schlecht geklebte Naht auf. Diese Schlauchboote haben keinerlei Sicherheit. Mein eigenes Schlauchboot, auf meinem Segelboot, ist 2,70 Meter lang und hat fünf Kammern. Diese Schlauchboote sind zwölf Meter lang und haben auch fünf Kammern. Den Rest kann man sich ja dann so ungefähr vorstellen. Wenn eine Kammer versagt, ist dieses Schlauchboot mit seinen Menschen verloren. 

IW: Und das war der Grund, warum Sie in dem Fall die Menschen auch aufnehmen mussten? Weil dann reichte ja die „Erste Hilfe“ nicht mehr. 

CPR: Ja. Wir haben uns angesichts des Eindrucks, wie sich dieses Schlauchboot verhält, dann entschieden, wir nehmen die Menschen jetzt sofort auf, zerstören dieses Schlauchboot, wir sprühen SAR „search and rescue“ drauf, die Fallnummer, die wir von der Seenotzentrale in Rom bekommen, und den Namen „Lifeline“, unseren Schiffsnamen und das Datum. Und dann schlitzen wir dieses Schlauchboot auf, von hinten angefangen nach vorne zum Bug und wieder zurück auf der anderen Seite, dann dauert es circa zwei Tage, bis dieses Schlauchboot untergeht. Und dann ist das erstmal weg. 

IW: Warum haben Sie das dann da draufgeschrieben? 

CPR: Damit, wenn innerhalb dieser zwei Tage ein anders Rettungsschiff dieses Schlauchboot findet, die nicht anfangen, zu suchen. Wenn wir ein Schlauchboot finden, und das tun wir des Öfteren, das nicht markiert ist, fangen wir sofort an nach den Menschen zu suchen. Vielleicht schwimmt da ja noch jemand. Es gibt genug gekenterte Schlauchboote, deren Anzahl Toter niemals in einer Statistik erscheint. Das ist auch die Lüge, an diesen Statistiken.

 

„Ich kann sie nicht nach Libyen zurückbringen, das geht nicht aus humanitären Gründen“


IW: Nachdem Sie die Geretteten auf Ihrem Schiff hatten, wie geht das dann weiter? Ich meine, Sie haben ja wahrscheinlich nicht damit gerechnet, dass Sie keinen Hafen finden, wo Sie einlaufen können. Bekommen Sie nicht aus Rom einen Hafen genannt? 

CPR: Das war in unserm Fall so, dass nach der Abarbeitung des zweiten Schlauchboots und der Beschäftigung mit den Libyern, wir machen immer Schriftverkehr, das heißt, wir telefonieren nicht, wir schreiben. Natürlich haben wir bei der Seenotzentrale in Rom nach einem sicheren Hafen gefragt, beziehungsweise nach einem Schiff, dass sie uns schicken sollten, um ein transhipment zu machen, also die Menschen dann an ein großes Handelsschiff oder Militärschiff zu übergeben. Wir wurden dann von MRCC Rom an die Libyer verwiesen, weil angeblich die Libyer für diese beiden Fälle die Verantwortung übernommen haben. 

IW: Sie zurückzubringen? Nach Libyen?

CPR: Der libysche Kapitän wollte ja, als er bei uns an Bord war, das war 32 Meilen vor der Küste, wollte er die Menschen ja mitnehmen. Das hab ich dann abgewendet. Aber wir müssen trotzdem vom Prinzip her, wenn es denn eine Seenotzentrale in Libyen geben würde, wir sagen es gibt keine, man kann da drei Telefonnummern anrufen, da hebt aber leider nie jemand ab. Wenn Sie was schicken, bekommen Sie auch keine Antwort. Also mit den Leuten kann man sich nicht unterhalten. Das heißt für mich, es ist immer noch Rom zuständig. In dieser Zeit war das so. Das ist dann so wie die Katze, die dem eigenen Schwanz hinterher rennt. Ich schreibe an Rom, Rom sagt mir, ich soll mich mit den Libyernauseinandersetzen, aus Libyen bekomm' ich keine Antwort. Dann hab ich natürlich auch über das deutsche Außenministerium das Krisenreaktionszentrum im Verteiler mit drin und auch das RCC, „Rescue Coordination Center“ in Malta. Aber Sie bekommen dann keine Antwort.

Ja. So ein Schiff hat natürlich endliche Ressourcen und man kann überlegen, wie lange dass alles so gut geht. Wir haben uns dann aufgrund der Wetterlage auch einfach aufgemacht, auf den Weg Richtung Norden. Wohin auch sonst. Ich mein, ich kann sie nicht nach Libyen zurückbringen, das geht einfach nicht, aus humanitären Gründen.

IW: Man kann sich das auch nicht so vorstellen, dass andere Schiffe, Containerschiffe, in der Nähe sind, die man anfunken kann und sagen kann, „helft uns, wir müssen hier unsere Mission fortführen!“, darf man das nicht?

CPR: Ich könnte das natürlich tun, aber niemand wird mir diese Menschen abnehmen. Weil damit natürlich seine Fahrt unterbrochen ist. Es ist mein Rettungsfall und nicht seiner. Er hat keine Anweisung von MRCC Rom die Menschen zu übernehmen, sonst müsste er das tun, und rein aus Gefälligkeit wird das niemand machen. In dem Moment, wo er die Menschen auf dem Schiff hat, hat er das Problem, und ich bin es los. 

IW: Naja, man könnte ja sagen, Sie sind die ausgebildeten Seenotretter und er würde sozusagen die Kette fortführen, die sinnvoll wäre und die Menschen in Sicherheit bringen, und Sie könnten ihre Arbeit weitermachen. 

CPR: Das wäre der eigentliche Wunsch. Das hat ja auch letztes Jahr und 2016 vom Prinzip her ganz gut funktioniert. Man hat uns dann aus Rom ein Schiff geschickt. Die Seenotzentrale hat eines der nächstgelegenen Handelsschiffe oder Militärschiffe angewiesen, unsere Personen zu übernehmen. Und die haben dann im Gegenzug einen Port of Safety, einen Hafen, Lampedusa zum Beispiel, kennt man ja, Catania, angewiesen bekommen, und da haben sie dann die Gäste hingebracht. Das hat man ja komplett eingestellt, weil Salvini will das ja nicht mehr und die europäischen Regierungen brauchen immer sehr, sehr lange für irgendwelche Entscheidungen, in unserem Fall vom 21. bis einschließlich 27. Juni. Also das ist sehr lange. Wir hatten sehr viel Glück mit dem Wetter. Aber ein Schiff, wird Personen die nicht in Seenot sind, und wenn sie bei uns an Bord sind, sind sie ja nicht in Seenot, dann nicht freiwillig übernehmen. Das ist auch eigentlich nicht so vorgesehen. 

IW: Aber ein Schiff, wir kommen gleich wieder zu Ihrer Geschichte zurück, also wenn jetzt ein Containerschiff vorbeikommt, die sind nicht so ausgebildet wie Sie? Aber wenn sie die Menschen dort sehen, müssten sie sie schon aufnehmen? 

CPR: Selbstverständlich. Es gibt verschiedene Seefahrts-Gesetze, zum Beispiel, Safety of Life on Sea, und da steht ganz genau drin, dass jedes Schiff zur Rettung gesetzlich verpflichtet ist. Der kann nicht einfach vorbeifahren und sagen: „Hab ich nicht gesehen.“. 

IW: Ich stell mir gerade vor, dass doch einige dort vorbeifahren und das jetzt sehen, diese Schlauchboote, aber wissen, dass es schwierig wird, diese Menschen an Land zu bringen. Da kann man ja auch die Befürchtung bekommen, dass mancher da vorbeifährt. 

CPR: Die Befürchtung kann man bekommen.Ich möchte nicht in der Haut des Kapitäns stecken, wenn man eben zum einen draufkommt, dass er wissentlich an einem Seenotfall vorbeigefahren ist, und zum anderen gibt es ja immer eine Gewissensentscheidung. Es gibt wie in jedem Berufszweig skrupellose Menschen und es gibt Menschen die, ich möchte das jetzt einfach mal so bezeichnen, normal denken. 

Ich meine jeder Seemann weiß, was es heißt, auf See alleine zu sein, einen Unfall zu haben, Hilfe zu brauchen, und man kann ja schlecht mal rechts an den Straßenrand fahren, einmal verschnaufen und dann zu Fuß nach Hause laufen. Es funktioniert leider nicht, übers Wasser zu laufen. Sondern die Leute gehen einfach unter und ertrinken. Genau deswegen ist in so einem Fall die Hilfeleistung einfach bedingungslos, zwingend notwendig und durchzuführen. 

IW: Und wessen Gewissen hat nicht geschlagen bei Ihrer Mission? Nach dem Sie im Juni diese Menschen an Bord hatten, hat ja offenbar an verschiedenen Stellen das Gewissen nicht geschlagen.

CPR: Das hat zum einen in Rom nicht geschlagen, bei Herrn Salvini. Er hat ja behauptet, wir würden Menschenfleisch befördern. Eine Aussage, da dachte ich, das wäre so vor siebzig Jahren ungefähr endgültig erledigt gewesen, solche Aussprüche. Und zum anderen der deutsche Innenminister, der erfolgreich verhindert hat, dass verschiedene Bundesländer die Menschen, die wir auf dem Schiff hatten, abnehmen wollten. 

IW: Es gab ja Zusagen?!

 

"Nur die Unterschrift des deutschen Innenministers Seehofer hat gefehlt"
 

CPR: Es gab Zusagen. Es hat eigentlich nur die Unterschrift des deutschen Innenministers Seehofer gefehlt, und die hat er verweigert. Und somit ist Herr Seehofer primär daran Schuld, dass wir zusätzlich fünf Tage auf See verbringen mussten. Vor allem der letzte Tag und die letzte Nacht waren für die Menschen auf dem Schiff nicht sehr lustig. Da hatten wir wirklich schlechte Wetterbedingungen, und wir hatten über 150 schwer seekranke Menschen auf dem Schiff. Davon waren drei im Krankenhaus, die in komatöse Zustände gefallen sind. Seekrankheit verursacht letztlich keine Nahrungsaufnahme, die Leute trinken nicht mehr und dann fallen sie in so ein Art Unterzuckerkoma, und wenn man das nicht rechtzeitig in den Griff bekommt, dann wachen sie aus diesem Unterzuckerkoma nicht mehr wieder auf. Wie mir mein Arzt erklärt hat. 

IW: Und was wäre passiert, wenn Sie einfach in dieser Notsituation in den Hafen reingefahren wären? Man sagt, wenn Menschen sterben, dann muss man handeln, oder? Also, es ist so schwer vorstellbar, dass da das Leben von Menschen bedroht ist, und Sie können nicht in den Hafen fahren. 

CPR: Sie haben natürlich vollkommen Recht. Not kennt kein Gebot, heißt es. Es hätte natürlich eine Möglichkeit gegeben, eigentlich gibt´s zwei Möglichkeiten, in einen Hafen letztlich einzufahren, auch notfalls gegen den Willen einer Regierung. Das eine ist, ich klage mich ein, man kann sich nach dem Seerecht in einen Hafen einklagen, wielange das dauert, weiß ich nicht, ich habe dieses Prozedere noch nie durchgemacht. Und das andere ist, ich drücke den sogenannten roten Knopf, das heißt ich mache mein eigenes Schiff zu einem Seenotfall. Das muss ich natürlich irgendwo begründen. Mir geht das Wasser aus, mir wird nichts mehr geliefert, ich habe ein technisches Problem, oder auch auf Grund der vielen Krankheitsfälle. Ich habe natürlich auf die Möglichkeit, dass ich einzelne Personen bergen lassen kann, das haben wir ja auch gemacht, mit einem jungen Somalier, der schwer misshandelt worden war, der hatte einen Leistenbruch und in diesem Leistenbruch war der Darm eingeklemmt. Den mussten wir schnell ins Krankenhaus bringen, sonst hätte der Mann das nicht überlebt. Aber ich kann natürlich nicht fünfzig oder hundert auf einmal holen lassen, das würde natürlich auch die Möglichkeiten der Retter, die dann letztlich mich retten, oder vielmehr die Menschen retten, übersteigen. Also löse ich einen mayday callaus, einen Mayday-Fall sozusagen. Und dann wird sich ganz schnell was tun. 

Das Problem an der Geschichte ist einfach, wir sind ja gezielt und taktisch richtig, sag ich, vor der maltesischen Küste auf- und abgefahren. Man wollte immer, dass wir in den italienischen Sektor fahren, aber das hätte ich nie gemacht, dann hätte ich mich mit dem Herrn Salvini beschäftigen müssen und das wollte ich auf gar keinen Fall. Und so hab ich großen Druck auf die maltesische Regierung, auf Herrn Muskat ausgeübt, der dann wiederum Druck auf seine europäischen Präsidenten-Kollegen machte. So kam es dann, dass verschiedene Staaten, Portugal, Irland, Frankreich unter anderem, sich bereit erklärt haben, ein Kontingent von unseren Gästen abzunehmen. 

Wenn ich einen Mayday-Fall auslöse, dann ist das ein Mayday-Fall, der nur ausschließlich Malta betrifft. Das heißt der Herr Muskat, der Präsident, hat dann die 235 Flüchtlinge im Land und seine europäischen Kollegen lehnen sich zurück und sagen: „Gott sei Dank hat der Kapitän den roten Knopf gedrückt. Ich bin die Sache los.“. Aber Herrn Muskat fällt das auf die Füße. Jetzt ist das aber nicht nur der Herr Muskat, den das trifft, sondern eben auch die Flüchtlinge. Nach dem Dublin-Abkommen haben sie keine Chance, jemals Malta wieder zu verlassen. Das war´s dann. Malta ist klein, Malta ist überbevölkert.Die Insel ist nicht sehr groß, die ist vielleicht zwanzig mal fünfzig Kilometer, wenn überhaupt, und da leben fast eine halbe Million Menschen drauf. Das ist komplett überbevölkert. Das kann man dem Land nicht zumuten, tatsächlich nicht zumuten. Muskat hätte ein großes Problem. Und die Flüchtlinge ein noch viel größeres Problem. Aber da der Druck auf die europäischen Länder eben auf diese Art und Weise aufrechterhalten worden ist, sind 30 Menschen nach Portugal, etwa 50 nach Frankreich, 30 nach Irland gekommen, den Rest weiß ich jetzt aktuell nicht. Das ist für alle Beteiligten und vor allem für die Flüchtlinge deutlich besser. 

IW: Das heißt, Sie haben nach einer Woche, war es ja, die Nachricht bekommen, Sie können in Malta landen. 

CPR: Ja.

 

„Das erinnert sehr stark an Zustände bei der Befreiung von Konzentrationslagern“


IW: Wie muss man sich das dann vorstellen, da kommen die Flüchtlinge vom Schiff, werden abgeholt, kommen wohin?

CPR: Ja in unserm Fall war das dann so, dass wir mit unserem Schiff „Lifeline“ in einen abgesperrten Teil des Hafens geleitet wurden. Dort war dann schon alles vorbereitet, nicht nur eine große Tribüne für die Presse, sondern auch vom Roten Kreuz Zelte, es sind Krankenwagen da gestanden, es sind Busse da gestanden, die die Menschen dann befördert haben, es stand jede Menge medizinisches Personal da, es gab eine wunderbare, perfekt organisierte Übergabe der Kranken und Verletzten. 

IW: Und dann kam die Polizei um Sie abzuholen?

CPR: Und dann kam die Polizei und hat mich abgeholt, ja genau. Ja, das war tatsächlich so. Alle immer sehr freundlich. Ich natürlich auch. Aber wo das endet, kann man ja jetzt in der Presse nachlesen.

Die Menschen wurden dann größtenteils in ein, ich sag jetzt mal Auffanglager gebracht, in den Nähe des Hafens. Ich hab da zwei Tage später einen Besuch dort gemacht, ich wurde aber nicht reingelassen, ich durfte die Menschen nicht sehen. Da ist aber so ein kleiner Bach dazwischen, und auf der einen Seite des Bachs war ich und auf der anderen Seite des Bachs hinter einer Mauer und einem Zaun waren die Flüchtlinge und sie haben dann erkannt, wer da auf der andern Seite stand, und haben „Lifeline, Lifeline“ und „Captain, Captain“ gerufen. Das war eine sehr ergreifende Szene, die ich auch so schnell nicht vergessen werde. 

Es ist gut zu sehen, dass es allen, zumindest körperlich, ganz gut ging. Wir haben viele jämmerliche Gestalten auf dem Schiff gehabt, Männer mit einer Körpergröße von 1,70 – 1,75 Meter mit 45 kg Körpergewicht. Das erinnert sehr stark an Zustände bei der Befreiung von Konzentrationslagern. Da hat man ja, wenn man im Geschichtsunterricht aufgepasst hat und den einen oder anderen Film darüber gesehen hat, solche Menschen auch gesehen. Es unterscheidet sich zumindest von den körperlichen Gegebenheiten her nicht wirklich. Die Leute kommen in Libyen aus einer Art KZ. Sie werden dort auch entsprechend behandelt. Man dachte ja, dass so etwas nie mehr wieder vorkommen würde, aber auch hier haben verschiedene Leute aus der Geschichte leider gar nichts gelernt. 

IW: Erzählen die Flüchtlinge? Können Sie sich mit ihnen verständigen? Von dem, was ihnen in den Lagern in Libyen passiert ist?

CPR: Teilweise. Es gibt Leute, die können Französisch und Englisch. Wenn wir die Zeit haben, dass wir uns mit den Menschen unterhalten, dann machen wir das auch. Wir möchten natürlich gerne wissen, woher sie kommen und was sie erlebt haben. Wir hatten da den Somali, den wir vom Schiff holen lassen mussten, wegen seinem großen medizinischen Problem, den haben wir zum Beispiel zwei Tage vorher noch interviewt. Der Mann wurde dreimal gefoltert, jeweils mit dem Telefon am Ohr, er ist verprügelt worden, das hat man dem Mann auch angesehen, man hat die Striemen am Rücken gesehen, und er hat dann zum Teil unter Tränen erzählt, wie es ihm da ging, wie sie ihn verprügelt haben, mit dem Telefon am Ohr, das er einfach zuhause anruft, und bettelt dass seine Verwandtschaft, seine Bekannten Geld sammeln und das auf irgendein Konto mit Western Union oder irgendwelchen Transfermethoden überweisen. Damit sie ihn nicht umbringen. Der Mann, das war einer von denen, die nur noch 45 Kilogramm gewogen hat. Also unser Arzt, ein erfahrener Herzchirurg, der war schwer erschüttert, also jedes zweite oder dritte Wort, das er im Mund hatte, war „einfach völlige Unterernährung“. Und das was die Menschen aus diesen Lagern erzählen… Die werden zum Teil am Boden fest gebunden, das Telefon ans Ohr, und dann schüttet man ihnen eine brennende Flüssigkeit drüber. Also das sind Foltermethoden, die sind so barbarisch, man kann sich das eigentlich nicht wirklich vorstellen. Wenn man aber dann die Menschen sieht und auch die Verletzungen sieht, dann glaubt man den Menschen das auch. Da gibt es Männer, die können keine Wasserflasche mehr halten. Die haben zwei schief zusammengewachsene Handgelenke. Da denkt man im ersten Moment, das hab ich im Fernsehen schon mal gesehen, das schaut aus wie Contergan. Wie kommt das? Die bekommen mit Kabelbindern die Hände zusammengefesselt, und wenn sie nicht schnell genug vom LKW absteigen, dann gibt’s einfach einen Tritt von hinten. Dann fallen sie vom LKW runter und jeder hat das Bestreben, dass er nicht aufs Gesicht fällt und schaut dass er sich mit den Händen abstützt. Dann fallen die auf die zusammengebunden Hände und brechen sich beide Handgelenke. Da es aber keine medizinische Versorgung gibt, wächst das halt einfach zusammen, wie es zusammenwächst. Das ist zum Beispiel etwas, das sehen wir häufiger. Neben den vielfältigen Verletzungen durch die Prügel mit abgeschnittenen Elektrokabeln. Durch die, die auf dem Rücken schwer verletzt sind und diese Wunden halt auch irgendwie verheilen, mehr schlecht als recht. Von den Dingen, die die Frauen erzählen, kann ich jetzt nicht aus erster Quelle berichten, da die Frauen eher mit unserer Krankenschwester sprechen. Ich kenne da ein paar Geschichten, die man eigentlich kaum wiedergeben kann. Ich möchte nicht wissen, was speziell die Frauen in diesen Lagern durchmachen müssen. 

IW: Eigentlich erfährt man da kaum was, oder? Es ist fast wie so ein…

CPR: Nein. Die Politik schafft es ja erfolgreich, einen Vorhang vor dieses Drama zu ziehen. Wir dürfen mit unseren Schiffen nicht fahren, und die privaten Flugzeuge die das dokumentieren könnten, die dürfen einfach nicht fliegen. Somit wird der Vorhang vor diesem Drama zugezogen und die Weltöffentlichkeit hat keinen Einblick mehr. Man versucht, auf diese Art und Weise, die Geschehnisse aus der Presse zu bringen.

 

„Man will verhindern, dass die Such- und Rettungsschiffe aus dem Hafen fahren und ein Exempel statuieren“


IW: Ich mein, das ist Ihnen ja selber auch passiert. Indem man diejenigen, die retten, kriminalisiert, wird ja dieser Schleier immer weiter zugezogen. Man beschäftigt sich gar nicht mehr mit dem Schicksal der Menschen und mit dem, was hinter dem Schleier passiert oder mit dem Einzelnen, sondern wir reden immer nur darüber, wie können wir die Grenze noch höher ziehen, oder?

CPR: So ist es. 

IW: Mit welcher Begründung wird Ihr Schiff jetzt dort festgehalten? Warum können Sie nicht wieder auslaufen und was haben Sie da erlebt?

CPR: Es ist so, dass man behauptet, dass unsere Zertifizierungspapiere, sozusagen unser Kraftfahrzeugschein, wenn ich das mal so übersetzen darf, unser Kraftfahrzeugscheinnicht gültig wäre. Unser Schiff ist in Holland registriert, jetzt wird sich natürlich jeder fragen, warum ist eine Dresdner Hilfsorganisation, die überwiegend mit Deutschen auf dem Schiff fährt in Holland registriert? Das ist ganz einfach: Wenn man in Deutschland ein Sportboot registrieren lassen möchte, wir sind als Sportboot registriert, dann kann man das nur bis 25 Meter Länge und 100 Tonnen Gewicht machen. „Lifeline“ ist 32 Meter und hat ein Nettogewicht von 231 Tonnen, also geht das in Deutschland nicht. Wir müssten als Berufsschiff fahren, und dieses Schiff als Berufsschiff laufen zu lassen, kostet dreimal soviel wie als ein sogenanntes „Pleasure Craft“. Da es in Holland einfach andere Bestimmungen gibt, in die wir reinpassen mit unserem Schiff, und dem was wir tun, ist es einfach in Holland angemeldet. Das ist der ganze Grund dafür. 

Jetzt behauptet man, das uns dieses Zertifikat, dieses internationale Zertifikat, des königlich holländischen Wassersport Verbands, nicht dazu berechtigen würde, die holländische Flagge zu führen. In diesem Zertifikat steht aber klipp und klar drin, „Flag Dutch“, Flagge holländisch, „Homeport Amsterdam“, Heimathafen Amsterdam. 

Ich behaupte nach wie vor, dieses Zertifikat hat Gültigkeit, dieses Zertifikat muss gültig sein, es ist nämlich nicht gefälscht, das hat die Behörde ja mittlerweile auch zugeben müssen. Dieses Zertifikat ist ein Original. Mit so einem Zertifikat fahren über 25 000 Boote und Schiffe, weltweit. Dieses Zertifikat, dieses königlich holländischen Wassersport Verbandes verwenden auch alle NGOs, die ab Malta oder anderswo fahren seit 2015.

Ich bin drei verschiedene Schiffe gefahren, in sechs Missionen, und hatte jeweils genau solche Papiere. Es ist ja nicht so, dass wir nie unsere Papiere vorlegen müssen. Wir müssen Minimum bei jeder Mission dreimal die Papiere vorlegen. Einmal beim Auslaufen, einmal beim Tanken, wenn wir zollfreien Treibstoff kaufen wollen, müssen wir die Papiere vorlegen, und auch beim Einlaufen, wenn wir zurückkommen von einer Mission. Auch da müssen wir die Papiere wieder vorlegen. Und jetzt, nach drei Jahren, kommt man plötzlich auf die Idee, dass ausgerechnet an unserem Schiff dieses Zertifikat nicht gelten sollte. „It´s not valid.“ Es gilt nicht. 

Wie kann ein Zertifikat, das nicht abgelaufen ist, es hat den Gültigkeitsbereich bis 19.9.2019, es gilt immer zwei Jahre lang, in dem „Homeport Amsterdam, flag Dutch „drinsteht und das nicht gefälscht ist, wie kann das ungültig sein?

Es ist letztlich eine Verzögerungstaktik, man will verhindern, dass die Such- und Rettungsschiffe aus dem Hafen fahren, und man will jetzt einfach an mir als Kapitän, der letztendlich für alles was auf dem Schiff passiert verantwortlich ist, ein Exempel statuieren. 

IW: Um den Schrecken zu verbreiten, und um zu verhindern, dass weitere Schiffe sich auf die Seenotrettung begeben. 

CPR: Das kann der Grund sein. Natürlich wird sich aufgrund dieser Situation so mancher überlege,  ob er die Verantwortung als Kapitän auf so einem Schiff wahrnehmen will. Das soll, vermute ich mal, natürlich auch eine gewisse abschreckende Wirkung haben. Das kann gut sein. 

IW: Was kann Ihnen da passieren? Was droht Ihnen da? Ich meine, ich kann mir gar nicht vorstellen dass es da zu einem Urteil kommt, das gegen Sie ausfällt, weil die Papiere waren ja auch vorher schon gültig, warum sind sie jetzt nicht mehr gültig? Aber was wird Ihnen da angedroht?

CPR: Also im Maximalfall zwölf Monate Haft, und oder 116.000 Euro Geldstrafe. Ich werde sehen, was dabei raus kommt, 

IW: Eine Verhandlung hat schon stattgefunden, oder?

CPR: Ja, mehrere Termine haben schon stattgefunden, der letzte war besonders Interessant, weil die maltesischen Anklagebehörden die Beweise vorlegen sollten, diese Beweise nicht vorlegen konnten, weil die holländische Seite, die sie befragt haben, einfach keine Antworten geliefert haben. Angeblich wegen eines Formfehlers, in der Anfrage. Also nicht in den Fragen, sondern in der Form, wie sie diese Fragen an die holländischen Behörden übermittelt haben. 

IW: Da möchte wahrscheinlich jemand nicht zwischen die Fronten geraten?!?

CPR: Man könnte es so annehmen. 

IW: Verachtet sei wer Arges denkt. 

CPR: Ja, da haben Sie vollkommen recht. Für meine Begriffe ist das so eine Art Verzögerungstaktik. Ich meine, man kann jetzt diesen Prozess gegen mich bis zum Sankt Nimmerleinstag mit irgendwelchen Tricks vertagen, 

IW: Kann man das? Gibt’s da Fristen, wissen Sie das? Kann das jetzt ein Jahr dauern, oder zwei Jahre, oder...

CPR: Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Und so lange können wir mit diesem Schiff diesen Liegeplatz, an dem wir jetzt festgemacht haben, nicht verlassen. Wir müssen allerdings immer eine Crew auf dem Schiff haben, weil man dieses Schiff nicht einfach wie ein Fahrrad in die Garage stellen kann, und sagen, ich sehe dich im Frühjahr dann wieder. Das funktioniert bei so einem Schiff nicht. So ein Schiff ist eine riesige Maschine, wir haben eine eigene Stromerzeugung, da wir keinen Landstromanschluss haben, an diesem Liegeplatz, das heißt es läuft immer einer unserer drei Generatoren, wir müssen ja die Kühlschränke am Laufen halten, wir brauchen Licht, die Pumpen müssen laufen, und um das zu gewährleisten, brauchen wir immer permanent drei Personen Brandwache auf dem Schiff, und damit die auch mal runter gehen können, natürlich mehr Personal. Damit nicht drei Leute ans Schiff gefesselt sind. Also wir haben permanent sechs bis acht Personen auf dem Schiff. 

IW:Was ja enorme Kosten sind, oder?

CPR: Auch. 

IW: Ich meine, wie wird das überhaupt finanziert? 

CPR: Alles mit Spenden. 

IW: Das sind alles Spenden?Die gesamte Mission ist von Spenden finanziert? 

CPR: „Mission Lifeline“ hat eineinhalb Jahre gesammelt, um überhaupt dieses Schiff kaufen zu können. Und dann muss man ja auch wissen, dass die Mission sechs, über die wir uns hier unterhalten, meine Mission, nicht die Mission sechs in diesem Jahr war, sondern eins bis fünf konnten nicht stattfinden, weil wir dafür einfach kein Geld hatten. Wir hatten das Geld, dieses Schiff zu unterhalten, die Versicherung zu bezahlen, die Winterwerft zu bezahlen, die Instandhaltungen, aber wir hatten kein Geld, auf Mission zu gehen. Dafür hätten wir einfach 20.000 Euro für jede Mission zusätzlich gebraucht. Wir müssen 17.000 Liter Treibstoff tanken, wir müssen für 4000 Euro Lebensmittel einkaufen, die Satellitenanlage aktualisieren, das kostet 2000 Euro pro Mission. So läppern sich diese Kosten zusammen, und dieses Geld für die Mission selbst hatten wir nicht. 

IW: Das heißt die Mission sechs war eigentlich die Mission eins 2018.

CPR: So ist es. Wir wären auch vorher die fünf Missionen gefahren, wir hatten die Crews, aber wir hatten kein Geld. 

IW: Und wie lange dauert eine solche Mission? Wenn Sie dann rausfahren? Sind Sie lange unterwegs? 

CPR: Also die Zeit, die wir auf See sind, sind in der Regel zwei Wochen. Die Crews reisen drei Tage vorher an und drei Tage danach ab. Es muss eine Übergabe stattfinden, von der einen Crew zur anderen Crew, nicht alle fahren zwei Missionen hintereinander, so wie ich das mache. Es muss also ein Austausch innerhalb des Personals stattfinden, und da ist es natürlich gut, wenn man die einzelnen Stationen so von einem zum anderen direkt übergeben kann. 

IW: Und was passiert jetzt da in Malta mit Ihrem Schiff? Da sind jetzt die Leute drauf, das liegt da, und was machen die da jetzt? 

CPR: Das Schiff wird sozusagen von Tag zu Tag besser, weil die Menschen, die da auf dem Schiff sind, haben jetzt viel Zeit, weil wir das Schiff nicht in Betrieb haben, nicht fahren damit. Aber an so einem Schiff gibt es immer was zu tun, es können zum Beispiel Entrostungs- und Konservierungsarbeiten gemacht werden, es wird ein Generator überholt, der demnächst sowieso fällig gewesen wäre, und so machen wir Stück für Stück an unserer Technik, an dem Wartungen weiter, und machen das Schiff einsatzbereit. Das heißt, wenn wir heute von der Kette gelassen werden, und das Schiff sozusagen aus der Beschlagnahmung zurückbekommen, dann könnten wir innerhalb weniger Tage, maximal einer Woche, auf Mission gehen. Wir müssten tanken, wir müssten die Satellitenanlage in Gang bringen, Proviant, und die Crew einfliegen. Die Crew ist das größte Problem, weil die meisten Leute auch einem ganz normalen Job nachgehen und erst mal Urlaub haben müssen. Aber wir würden, das wissen wir, das Schiff innerhalb einer Woche auf See kriegen. 

IW: Ja, ich denk mal, das ist ja auch für die einzelnen, und auch für den Kapitän eines Schiffes, ein finanzielles Problem. Erstens mal ist es ehrenamtlich, und dann muss man da hinfliegen, man fliegt zurück… Jetzt für Sie, ganz besonders, Sie müssen gleich mehrfach noch nach Malta, das kann sich doch kaum jemand leisten, außer man bekommt Spendengelder. 

CPR: Es ist tatsächlich so, dass auch ich als Kapitän meinen Flug zum Einsatz und meinen Heimflug selber bezahle. Ich bring auch noch ganz andere Sachen mit, weil ich nicht jede Rechnung für irgendwas, was ich einkaufe für das Schiff, dann abrechne, das kann ich mir ein Stück weit leisten, dass ich den Verein da auch unterstütze, ich bin auch ein Spender im Verein. Aber klar ist das ein Problem. Die Leute fliegen runter, arbeiten am Schiff, schlafen, schleifen Rost ab, streichen und bezahlen dann auch noch den Flug zu diesem Arbeitseinsatz auch noch selber. Kost und Logis auf dem Schiff ist frei, das müssen sie also nicht bezahlen, außer es will einer ein Bier trinken, da gibt’s eine Bierkasse dafür. Ansonsten sind die nicht alkoholischen Getränke frei. Das ist natürlich eine finanzielle Belastung. Ich hab jetzt das große Glück gehabt, dass für meine persönlichen Rechtskosten der Künstler Jan Böhmermann eine Spendenaktion ins Leben gerufen hat, sie innerhalb von zehn Tagen 200.000 Euro eingesammelt hat, so das meine Rechtskosten aller Wahrscheinlichkeit abgedeckt sind, aber ansonsten würde ich auch dafür aus meinen privaten Mitteln letztlich zur Rechenschaft gezogen werden. Wobei, über Herrn Böhmermann hinaus, viele Leute angeboten haben, sie würden sich mit einer Spende explizit für die Rechtskosten an meinen Aufwendungen beteiligen. Dafür bin ich auch sehr, sehr dankbar, nicht nur wegen dem Geld, sondern auch wegen der Solidarität, die mir da wiederfährt. Das ist ja auch ganz wichtig, die moralische Unterstützung, das man eben sieht, aha, es gibt unglaublich viele Leute, sie sagen: „Ich finde es richtig was Ihr da tut und wir unterstützen Euch dabei.“ 

 

„Ich glaube, dass durch den derzeitigen Populismus viel auf die falsch Bahn kommt“


IW: Das heißt, Sie haben jetzt auch viel positive Resonanz bekommen, oder? Weil man hört ja immer, es sei so gespalten. Die einen sind dagegen, die anderen sind dafür, wie ist Ihr Gefühl? 

CPR: Ich hab natürlich auch dumme Anrufe, es sind meistens sehr mutige Leute die mit unterdrückter Nummer anrufen, das steht dann „unbekannte Nummer“, dass man das auch nicht zurückverfolgen kann, und dann werden einem zwei, drei unflätige Wörter entgegen geschmissen, und bevor man dann vielleicht eine Diskussion beginnen kann, ist das Telefon auch schon wieder tot. 

IW: Rufen die hier bei Ihnen an?

CPR: Die rufen hier bei mir an, ja. Es gibt auch Leute die schreiben mir einen lächerlichen Brief, aber die Briefe, die ich bekomme und auch die E-Mails oder über Facebook, die Resonanz ist überwiegend positiv. Auch wenn ich hier in Landsberg in der Stadt unterwegs bin, ich meine grad in meiner Heimatstadt, keine sehr große Stadt mit 30 000 Einwohnern, werde ich manchmal auf der Straße einfach angesprochen, da schüttelt mir jemand die Hand, und sagt: „Das haben Sie gut gemacht.“, „Wir stehen hinter Ihnen.“, „Machen Sie weiter so.“, „Man kann die Menschen nicht ertrinken lassen, das geht gar nicht.“. Es gibt dann schon auch mal einen, der hat sich in der Eisdiele in ein Gespräch eingemischt, der mir dann erklärt hat, sein Bruder würde ein Containerschiff fahren und fährt auch manchmal über so Schlauchboote drüber, dann hab ich gesagt: „Ja, ja, ich glaub viel, aber das nicht.“ Dann hat er gesagt: „Er, wenn da unterwegs wäre, er würde die alle in der Bugwelle unterpflügen!“ Dann hab ich gesagt: „Naja, dann sind Sie ja praktisch ein potenzieller Mörder.“. Dann hat der gemeint: „Ja.“. 

IW: Das ist ja unfassbar. 

CPR: Ich war da schon auch ein Stück weit erschüttert, muss ich sagen. Ich hab ihn dann digital gefragt: „Sind Sie dafür, dass man diese Menschen ersaufen lässt, ja oder nein?“. Dann sagt der glatt „Ja!“. 

IW: Das ist wie in Dresden auf der Bühne, oder? Da gab es Rufe: „Absaufen lassen!“. 

CPR: Ja.

IW: Da fühlt man sich schon einige Jahre zurückversetzt. Schrecklich. 

CPR: Ja, das ist schon ein Stück weit schrecklich. Mich würd aber auch mal interessieren, warum sind diese Menschen so? Was bewegt die dazu, dass die sowas sagen? Ich mein dieser Mann, der da in dieser nicht ganz billigen Eisdiele, eigentlich verkaufen die handgemachte Schokolade, das ist jetzt nicht die unterste Preisschiene, ganz im Gegenteil, Qualität kostet halt was, ich esse da gerne Eis, weil das Eis dort sehr gut ist. Also, der hat sich dort einen Kaffee gekauft, und der ist sicherlich nicht der ärmste der in Landsberg rumrennt, der wird auch keinen Kaffee weniger trinken, und kein Schnitzel weniger essen, und auch nicht weniger oft in den Urlaub fahren, oder Ähnliches, aber wenn man mit solchen Leuten diskutieren könnte, dann würde es mich schon mal interessieren, „wie kommt Ihr auf die Idee, dass man einfach Menschen in einer Bugwelle eines Schiffes unterpflügt?“ 

IW: Ja, hat er Angst vor denen, oder?

CPR: Ich weiß es nicht. Ich hab das Gespräch dann an der Stelle abgebrochen, weil es mir zu widerlich war. Ich bin hingegangen und hab ihm die Hand geschüttelt und hab gesagt: „Okay, guter Mann, jetzt ist dieses Gespräch hier und an dieser Stelle zu Ende.“. 

Ich hab allerdings schon mal am Telefon mit einem, der mich angerufen hat, ich hab abgehoben, es gibt nur eine einzige Telefonnummer, die ich privat kenne, die eben unterdrückt ist, und die Anrufe mit der unterdrückten Nummer waren eine Weile lang häufiger, und dann hab ich mal abgehoben. Ich melde mich dann auch ganz normal mit meinem vollen Namen, und der hat mich dann gefragt, ob ich der „Schlepperkönig“ bin. Und dann hab ich gesagt: „Ja, der bin ich. Um was geht´s denn? Möchten sie mitschleppen?“ „Nee!“ und das, was ich mache, wäre eine Schweinerei, und überhaupt. Und ich hab dann tatsächlich ein Gespräch über eine Stunde lang geführt, hinterher hat er mir dann das „Du“ angeboten, fand ich sehr interessant, der war aus dem Grenzgebiet Baden-Württemberg – Bayern, ich hab ihn dann gefragt, aber ich weiß es mittlerweile nicht mehr. Ich hab ihn dann auch gefragt, ob es ihm wirtschaftlich schlecht geht. Ob er irgendein Problem hat, was denn seine Ängste sind? Und das war dann so diffus, dass er mir das dann eigentlich nicht wirklich erklären konnte. Und wieso wir die nicht wieder zurückbringen? Dann hab ich ihm was über die Genfer Flüchtlingskonvention erzählt, und über SOLAS, und ihm dann auch gesagt, wo er das nachlesen kann. Also, wenn man mit so manchen dann Eins zu Eins sprechen kann, ändern sich auch Ansichten. Ich glaube, dass da einfach viel durch den derzeitigen Populismus, die Politik leider, leider geprägt ist, auf die falsche Bahn kommt. Und wenn man die Leute dann über die Tatsachen aufklärt, dass es bei dem einen oder anderen, bei manchen sicherlich nicht, schon mal klick macht. So wie bei diesem Menschen, der dann sagt: „Aha, so ist das.“. 

IW: Wie halten Sie das aus? 

CPR: Wissen Sie, wenn man sich immer nur mit den Toten beschäftigt, kommt man irgendwann an einen Punk wo man sich denkt: Ich kann diesen Horror nicht mehr sehen. Aber es gibt so viele positive Momente, dass man sagen muss: Dafür mach ich das.

 

„Ich muss schauen, dass möglichst viele überleben“


IW: Ja, weil das fragt man sich schon, Sie haben ja schon mehrere Missionen gemacht, kann man da noch schlafen? Wie lebt man damit? Indem man sich an die Geretteten hält, oder? 

CPR: Ja. Ich meine, die Bilder der Wasserleichen, die blende ich einfach aus. Ich kann dem toten Körper nichts Gutes mehr tun. Ich kann ihn nicht an Land bringen um ihn zu beerdigen, die Möglichkeiten haben wir auf dem Schiff nicht. Wir haben keine Kühlmöglichkeiten, wir können nicht in Leichensäcken die Leichen tagelang durch die Gegend fahren, das geht nicht. Ich muss mich darauf konzentrieren, dass ich denen, die überlebt haben, das weitere Fortkommen ermögliche. Ich muss schauen, dass möglichst viele überleben. Und dass ist der Punkt, an dem ich mich selber fest mache, an denen die überleben. Wenn ich dann zum Beispiel in unser Krankenhaus reinschaue, da hatten wir in der Nacht einmal drei ganz junge Muttis mit ihren Säuglingen reingeholt, weil das Wetter schlecht war, und die schliefen da auf den Behandlungsliegen. Ein kleines Mädchen mit so drei Jahren, mit einem Stofftier, das sie von uns bekommen hat, sicherlich das erste Spielzeug, das das Kind in seinem Leben gesehen hat. Sie hatte das Stofftier im Arm und lag einfach auf dem blanken Boden in dem Krankenzimmer und hat da geschlafen. Das war einfach eine so total friedliche Situation in dieser, ich will jetzt nicht sagen „Horrorveranstaltung“ aber, in diesem... 

IW: Schrecken, oder?

CPR: Ja, in diesem Schrecken. Da bin ich dann rausgegangen aus diesem Krankenhaus und bin wieder hoch auf die Brücke, und hatte da schon feuchte Augen und hab mir gedacht, genau das ist es, wofür ich das mache. 

Ich finde die Toten natürlich schrecklich, das ist gar keine Frage, aber daran kann ich letztlich nichts mehr ändern. Da kann ich nichts mehr bewirken. Aber ich kann mir meiner Crew zusammenwirken, in dem ich die Menschen, die überlebt haben, an einen sicheren Ort zu bringe. Wo sie hoffentlich eine Perspektive und ein Fortkommen haben. Also muss ich nach vorne schauen und nicht zurück. Vielleicht ist es eine schräge Philosophie, ich weiß es nicht, aber das ist halt einfach mein Umgang damit. Nicht, dass ich die Toten vergesse, oder so. Ich versuch die auch nicht zu zählen, ich versuche auch nicht die Überlebenden zu zählen, ich mach mich nicht an irgendwelchen Zahlen fest, das ist nicht so mein Ding. Zumindest nicht an Zahlen, die eigene Rettungen betreffen. Manche zählen das, wie viele Menschen sie gerettet haben, die Zahl ist für mich nicht wichtig. 

IW: Was hat Sie eigentlich in dieser Entscheidung bestärkt, man fragt sich immer, wer so eine Entscheidung trifft, da bewerb’ ich mich jetzt, die unterstütze ich, gehe auch Risiken ein. Woher kommt der Mut?

Wenn wir andererseits über die Ängste sprechen, ja, diese diffusen Ängste, die andere offenbar davon abhalten in dieser dramatischen Situation etwas zu tun, sie müssen ja gar nicht alle aufs Mittelmeer, es gibt ja viele andere Dinge die man auch tun könnte. 

CPR: Man könnte hier einen Sprachkurs machen oder sich mit den Kindern beschäftigen oder Schülernachhilfen, da gibt es ja vielfältige Möglichkeiten, wie man die Menschen integrieren kann. Sie können ja in der Regel kein Deutsch. Sie kommen auch nicht alle nach Deutschland. Das ist ja auch so ein diffuses Gefasel.

Dieses Jahr sind 19.000 Menschen über die zentrale Route übers Mittelmeer nach Europa gekommen. Nicht mehr. Letztes Jahr waren es insgesamt 120.000, jetzt lass uns einfach mal hochrechnen, dass dieses Jahr, dann ist es einfachen zu rechnen, dass dieses Jahr 50.000 kommen, die nicht kommen werden, aber nehmen wir einfach mal diese Zahl 50.000. Die ist sehr hoch gegriffen. 

Europa hat 511 Millionen Einwohner, Landsberg am Lech hat 30 000. Wenn diese 50 000 Menschen über Europa gleichmäßig verteilt werden würden, dann würde das für Landsberg genau drei Personen im Jahr bedeuten. Wenn Landsberg am Lech jetzt in der Situation wäre, dass jetzt Deutschland alle 50.000 aufnehmen würde, was ja nicht passiert, dann wären das achtzehn Personen. Achtzehn Menschen, die nach Landsberg am Lech kommen würden, das wären anderthalb pro Monat. Wenn wir das nicht mehr schaffen, dann können wir doch zusperren. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Man kann so wenige Menschen integrieren. 

IW: Was zeigt, dass das Gespräch, das Sie vorhin erwähnt hatten, tatsächlich sehr diffus ist und eigentlich mit den Menschen, um die es da geht, sehr wenig zu tun hat, sondern eher mit einem selbst. 

CPR: Ich vermute mal. Ich meine, wenn man die Ereignisse der letzten Tag in Chemnitz nur mal so kurz streift. Die ostdeutschen Bundesländer haben am wenigsten Ausländeranteil. Chemnitz hat, ich glaube vier Prozent Ausländer (laut Webseite der Stadt acht Prozent, Red.), das ist ja faktisch nichts. Über was reden die Leute? Sie wollen nicht, dass es so ist wie in München, oder so, aber selber fahren sie schon alle ins Ausland. Man muss sich ja auch mal eines geben: Jeder ist überall auf der Welt Ausländer. Auch die gehen sich beim Türken einen Döner holen, zum Italiener die Pizza, oder ich weiß nicht was. Also an was machen die ihre Ängste fest? 

Es ist natürlich nicht gut, wenn Ausländer straffällig werden, da brauchen wir uns nicht drüber zu unterhalten. Ich hab da auch so ein bisschen meine eigene Philosophie: Wer das Gastrecht verwirkt, der muss halt auch mal gehen. Das wär vielleicht auch gar nicht so schlecht, wenn man manche, mehr als auffällig gewordenen Flüchtlinge, nachdem man sie massiv ermahnt hat und sie davon nicht lassen, heimschicken würde. Das würde die Akzeptanz für die Flüchtlinge, die es hier wirklich zu was bringen wollen, und das ist ja die Mehrzahl, die überwiegende Mehrzahl, die Akzeptanz erhöhen. Es gibt ja zufälligerweise auch deutsche Straftäter. Ich meine die Gefängnisse sind ja nicht gebaut worden für Migranten oder Flüchtlinge, sondern in aller erster Linie, vor vielen Jahren, für die einheimische Bevölkerung, für die, die was ausgefressen haben oder für die, bei denen was schief läuft. 

Das sehe ich schon auch so, aber man kann nicht hergehen und sagen, den afghanischen Jugendlichen, der jetzt hier Deutsch gelernt hat, seit fünf Jahren da ist, oder seit sechs, der jetzt kurz vorm Abschluss einer Berufsausbildung steht, den in den Flieger reinpacken und nach Hause fliegen. Da muss ich sagen, hab ich absolut überhaupt gar kein Verständnis. 

IW: Und auf der anderen Seite wollen sie qualifizierte Flüchtlinge, wie es ja so schön heißt, durch ein neues Einwanderungsgesetz, das ja endlich kommen soll, hierherholen und ziehen auf der anderen Seite die qualifizierten Leute aus den Ländern wieder ab. Das ist ja alles ein Widerspruch in sich. Das kann ja so nicht funktionieren. 

CPR: Also das, was ich an diesem Zuwanderungsgesetz komplett blödsinnig halte, das ist, dass wir jetzt sagen, wir holen aus dem Ausland die gut Gebildeten. Wir bilden nicht hier die Flüchtlinge aus, nach unseren Berufsausbildungsmaßstäben, die natürlich die besten der Welt sind, das duale Berufsschul- und Ausbildungssystem in Deutschland, das wird weltweit kopiert, das ist eines der besten, da brauchen wir gar nicht drüber diskutieren,wer mit einem deutschen Gesellen- oder Meisterbrief irgendwo auf der Welt aufschlägt und den vorzeigt, der wird in der Regel mit Kusshand genommen. Aber wir gehen jetzt in diese Länder, die ohnehin in ihrer Entwicklung ein Problem haben, und holen denen auch noch ihre Elite weg. Damit mache ich in diesem Land nichts, aber auch gar nichts, besser. Wir haben hier die Chance, dass wir die jungen Flüchtlinge ausbilden und integrieren. Warum nimmt man diese Chance nicht wahr?

IW: Und schickt stattdessen Ausgebildete wieder zurück nach Afghanistan. In angeblich sichere Zonen. Die es dort gar nicht gibt.  

CPR: Ja. Da ist es ja so sicher, dass man in Kabul die Deutsche Botschaft weggesprengt hat, es ist fruchtbar sicher da, hab ich den Eindruck. Das ist was, das ist in meinen Augen völlig unmöglich, dass man die, die integrierungswillig sind und das auch unter Beweis stellen, dann ins Flugzeug setzt, und außer Landes schafft. Was man nicht schafft ist, dass man die tatsächlichen Straftäter wegschickt, die es darunter auch gibt, ich denk jetzt mal, dass in jedem Volk, in jeder Nation, die Anzahl der Straftäter annähernd gleich ist. Prozentual betrachtet. 

Dass diese schrecklichen Dinge da passiert sind, das muss man nicht beschönigen, da braucht man auch nicht lange hin und her diskutieren, das ist so, und diese Straftäter müssen auch abgeurteilt werden und da muss man eben entsprechend damit umgehen. Das muss der Rechtsstaat einfach leisten. Das erwarte ich von dem Rechtsstaat auch.  Aber ist es auf der anderen Seite Recht, dass man die Leute, die sich integrieren wollen und die eine Ausbildung hier machen, wegschickt? Die auch eine Firma, die diesen Auszubildenden beschäftigt und nicht nur beschäftigt, sondern sich auch mit dem beschäftigt (oftmals werden denen ja, weil sie schlechte Deutschkenntnisse haben, in der Firma, wenn es ein größerer Betrieb ist, dann noch einmal verschiedene Zusatzangebote gegeben, dass sie besser Deutsch lernen, und so weiter und so fort), also ist es richtig - richtig hat ja auch was mit Recht zu tun, zumindest für mich  - ist es richtig, dass man diese Leute dann wegschickt? In meinen Augen ist das ein komplettes Versagen. Man verbaut den jungen Leuten was, und man verbaut auch der Bevölkerung hier was. Ich meine, wir brauchen uns ja über den Demographiewandel nicht zu unterhalten, es ist ja auch mittlerweile anerkannt, wir brauchen in verschiedenen Berufen jede Menge Personal, Handwerk sucht, Industrie sucht, alles was mit Gesundheitswesen zu tun hat, Sozialberufe suchen, und wir wären doch eigentlich gut beraten, wenn wir sagen, es ist eine Chance. Man kann nicht immer alles schlechtreden. Man muss nach vorne gucken und fragen, was kann ich daraus Gutes machen. Das wäre wichtig.

 

„Man muss uns helfen, damit wir helfen können“


IW: Das sollten Sie jetzt und werden Sie sicher bei Ihrer Mission, daher komme ich zum Schluss nochmal auf die Frage, wie kann man Ihre Mission unterstützen? Was brauchen Sie jetzt an Unterstützung? Wie wird das weitergehen? 

CPR: Also im Moment ist es ja so, dass unser Schiff beschlagnahmt ist. Wir haben eine Kaufoption für ein neues Schiff unterschrieben, das heißt, wir müssen ein Schiff finanzieren, wir müssen dieses Schiff umbauen, dieses Schiff kostet circa 400 000 Euro und der Umbau für unsere Zwecke, der Einbau eines Krankenhauses, die ganzen Rettungsmittel, die wir brachen, die Kommunikationstechnik und so weiter, wird mit nochmals 100 000 Euro zu Buche schlagen, so dass dieses neue Rettungsschiff circa eine halbe Million kostet. Dazu brauchen wir Geld, und dafür sind wir natürlich auf die Spenderinnen und Spender angewiesen, die uns ermöglichen, dieses Schiff zum Laufen zu bringen, damit wir weiter die Menschen im Mittelmeer retten können. Eigentlich, das muss man sagen, ist es völlig unnötig, wir haben ein Schiff, auch die Gewerkschaft der Seeleute, der Generalsekretär der Schifffahrtsgesellschaft in Deutschland, der Herr Geitmann, war bei uns auf dem Schiff, hat mich bei dem letzten Prozesstag begleitet, ebenso wie ein Stadtrat hier aus Landsberg am Lech, der mit dabei war. Der Herr Geitmann, der selber über zwanzig Jahre zu See gefahren ist, und auch Bücher über dieses Thema geschrieben hat, der hat sich unser Schiff ganz genau angeguckt, und der hat uns großen Respekt gezollt, dass wir dieses Schiff so toll in Ordnung haben, und war von den Möglichkeiten, die wir mit diesem Schiff haben, an Rettungsmöglichkeiten, wirklich komplett überzeugt. Er hat gesagt: „Ihr habt einfach ein wunderbares Schiff, Ihr könnt das tun, was Ihr damit vor habt, Ihr seid top ausgerüstet, und dieses Schiff könnt Ihr jetzt momentan nicht mehr benützen?“

IW: Wie absurd. Ein neues Schiff, weil das Schiff nicht mehr auslaufen darf?! 

CPR: Ja. Wegen eines, ich nenn es jetzt mal ganz salopp, wegen eines blauen Zettels, wegen dem wir nicht auslaufen dürfen, muss ein komplett ausgerüstetes Rettungsschiff im Hafen bleiben. Ob wir es jemals wieder zurückbekommen, wir wissen es eigentlich nicht. Aus dem Grund wollen wir aber jetzt nicht klein beigeben, sondern auch hier, im wahrsten Sinne des Wortes, Flagge zeigen, was natürlich nur mit der Unterstützung von außen geht, also mit der Hilfe von Spenderinnen und Spendern, dass wir einfach sagen, wir geben jetzt hier an dieser Stelle nicht auf, sondern wir lassen uns das nicht gefallen, wenn man uns unser Rettungsschiff beschlagnahmt, dann bringen wir halt einfach ein neues zum Laufen.

Es ist völlig absurd, wie Sie auch selber sagen, weil wir ja eines haben, ich würde sofort mit diesem Schiff losfahren, es ist top geeignet, es hat sich bewährt, dieses Schiff hat einmal einer anderen Organisation gehört, dieses Schiff hat insgesamt in seinem zweieinhalb jährigen Leben als, das Schiff ist insgesamt fünfzig Jahre alt, in seinem zweieinhalb jährigen Leben als Search and RescueSchiff über 20 000 Menschen das Leben gerettet. Dieses Schiff ist für diesen Einsatzzweck hervorragend geeignet. Und wir werden jetzt letztlich gezwungen, ein anderes Schiff zu kaufen. Ich kann das irgendwo nicht wirklich einsehen. Aber uns bleibt ja faktisch nichts anderes übrig. 

IW: Man kann es ja auch nicht einsehen. Man kann es nur immer weitererzählen und erklären, „davon lass ich mich nicht beeindrucken“. 

CPR: Und eigentlich jeder sagt, „ich kann es nicht glauben, ich schüttel den Kopf, aber wenn das so ist, dann habt Ihr recht. Ihr dürft jetzt da nicht einfach klein beigeben, sondern wir unterstützen Euch“. Ich hab da jetzt soviel Unterstützung in Landsberg. Ich war da jetzt bei Leuten privat zu Hause, bei einem ehemaligen Richter, vom Verwaltungsgerichtshof, dieses Ehepaar hat dann spontan 2000 Euro gespendet. Muss ich sagen: „Hut ab!“ Diese doch schon betagten Leute zeigen Flagge und sagen: „Nee, so kann der Staat mit Euch nicht umgehen“, oder die Staaten oder Europa nicht mit euch umgehen. Auch nicht mit diesen Menschen. Es geht ja nicht darum, dass wir jetzt ein Spaßverein sind und wir jetzt gern ein großes Motorboot fahren würden. Ich bin eigentlich ein Segler. Motorboote sind jetzt eigentlich nicht so meine Leidenschaft. Aber es geht halt nur mit einem Motorschiff, und deswegen sag ich halt, dann ist es eben ein Motorschiff. Wir sind ja kein Hobbyverein, der zum Selbstzweck jetzt dieses Schiff betreibt, weil wir lustig auf See fahren wollen. Sondern wir sind ein Verein, der sich der Humanität verschrieben hat, der sagt: „Wir retten Menschenleben.“

Man muss uns einfach helfen, damit wir helfen können. Da ist jeder kleine Beitrag wichtig. Wir haben Spender, die spenden fünf Euro im Monat. Jeden Monat fünf Euro. Das sind oft ältere Leute, das entnehme ich den Namen, wenn eine Dame Wilhelmina heißt, dann ist sie sicher nicht ganz aus der neuesten Generation. Aber da hab ich sehr großen Respekt davor, weil, vielleicht hat die Dame einfach nicht mehr Geld, als dass sie mehr wie fünf Euro im Monat geben kann. Aber auch das nötigt mir sehr, sehr großen Respekt ab. 

IW: Das ist toll, dass Sie diese Unterstützung haben. Ich hoffe, dass sie weiter wächst und wir ein bisschen dazu beitragen können. 

CPR: Das fände ich ganz hervorragend, wenn wir durch Ihre Mithilfe einfach unseren Spenderkreis erweitern könnten, und wenn dann auch mal wer dabei ist, der sagt: „Ja, ich hab vielleicht Geld, aber grad keine Erben“, der dann sagt: „Das letzte Hemd hat keine Taschen, ich kann nur einmal am Tag warm essen, und ich kann da auch nicht zugucken, was da grad in der Welt passiert, ich geb Euch jetzt einfach mal eine größere Summe“, dann ist sowas natürlich auch sehr, sehr gerne gesehen. Wir können nur mit der Hilfe von Außen diesen Menschen helfen. Und deswegen find ich es super, dass Sie sich für uns interessieren, natürlich auch mit dem Hintergrund der Stiftung, find ich ganz klasse. 

IW: Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch. 

CPR: Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie mir die Möglichkeit geben.

 

Das Interview fand im September 2018 in Landsberg am Lech statt.

 

Interview: PD Dr. Irmtrud Wojak
Kamera: Jakob Gatzka
Fotos: Hermine Poschmann
Transkiption: Antonia Samm

Kontakt: info@fritz-bauer-blog.de

 

Zitat: https://www.fritz-bauer-blog.de/de/startseite/aktuell/wojak-24-09-2018-kapitaen-claus-peter-reisch-ueber-mission-lifeline