Nina Lagergren
1921-2019

In memoriam - In memory

Nina Lagergren (1921-2019)


Von Susanne Berger

Von der Raoul Wallenberg Research Initiative (RWI-70) erreicht uns die traurige Nachricht, dass die Schwedin Nina Lagergren verstorben ist. Mit ihr hat uns eine aufrechte Kämpferin für des Menschen Rechte verlassen. Unser Mitgefühl gilt ihrer Familie. Susanne Berger (Washington), Koordinatorin von RWI-70, erinnert an die mutige Schwester des Judenretters Raoul Wallenberg.

 

Über 70 Jahre kämpfte sie für die Aufklärung des Schicksals ihres Bruders Raoul Wallenberg

 

Liebe Freundinnen und Freunde, viele von Ihnen haben die traurige Nachricht gehört, dass Nina Lagergren im Alter von 98 Jahren verstorben ist. Nach einem langen und ereignisreichen Leben kann Ninas Seele nun in Frieden finden, vereint mit ihrem Ehemann, Gunnar Lagergren, ihren Eltern, Fredrik und Maj von Dardel, und ihren Brüdern Guy von Dardel und Raoul Wallenberg.

Mit ihrem Tod geht eine Ära zu Ende - fast 75 Jahre kämpfte Nina Lagergren für die Rettung ihres älteren Bruders nach dessen Verschwinden in der Sowjetunion 1945, ebenso wie für die Erhaltung und Verbreitung seines wichtigen Vermächtnisses aus Empathie, Zivilcourage und der Bekämpfung von Ungerechtigkeit, selbst bei scheinbar unüberwindbaren Widrigkeiten.

Ich wählte das Bild von Nina oben, weil es sie auf eine Art und Weise zeigt, die nur wenige von uns gekannt haben - sie zeigte ihre hellere, unbelastete Seite selten in der Öffentlichkeit, aber sie liebte das Leben und hatte einen starken Sinn für Humor.  Nina Lagergren wurde in ein liebevolles Heim hineingeboren - ihre Mutter Maj fand nach dem schweren Verlust ihres ersten Mannes, Raoul Oscar Wallenberg, neues Glück. Maj und Fredrik von Dardel begrüßten 1921 das Baby Nina, und sie machte ihre Familie komplett.

Diejenigen von euch, die Nina Lagergren getroffen haben, wissen, dass sie leise gesprochen hat und von unnachahmlicher Würde und Anmut war. Hinter dieser äußerlichen Ruhe verbarg sich ein stahlharter Kern, der definitiv ein Familienmerkmal zu sein scheint. Nina war im Innersten eine Kämpferin, und das war sie bis zum Ende. Noch in den 90er Jahren reiste sie um die Welt, um über die Geschichte von den mutigen Aktionen ihres Bruders im Ungarn während des Zweiten Weltkrieges zu erzählen, als es ihm und seinen Diplomatenkollegen, unterstützt von einem breiten Netzwerk von (nicht so) gewöhnlichen Ungarn und Mitgliedern des Widerstands, gelang, Zehntausende von Budapests Juden vor dem sicheren Tod zu bewahren. 

Nina war tief von der Notwendigkeit der Bildung junger Menschen überzeugt, um sie zu ermuntern, ihre Stimme gegen Ungerechtigkeit zu erheben, kulturelle und religiöse Unterschiede zu überwinden und etwas in ihrem täglichen Leben und ihren Gemeinschaften zu bewirken. Im Jahr 2001 war sie Mitbegründerin der Raoul Wallenberg Academy, die diese Botschaft durch Seminare, Workshops und eine Reihe von Sonderprojekten in die Welt trägt.

Wie Nina in einem Interview mit dem schwedischen Radio im Jahr 2014 erklärte: 

"Wir als Familie sind alle von dem bitteren Kampf betroffen, Raoul nach Hause zu bringen, aber für mich war es wichtig, auch nach vorne zu schauen und das Licht, das von Raoul ausging, zu ergreifen, um Raoul in den von seiner Arbeit begeisterten Jugendlichen weiterleben zu lassen."
 
Im Laufe der Jahre war Nina enormem Druck ausgesetzt, sich einfach damit abzufinden, dass ihr geliebter Bruder verschwunden war. Auch wenn die genauen Umstände seines Todes unklar blieben, fühlten sich viele genügend informiert, um anzunehmen, dass er vor viele Jahren in der Sowjetunion gestorben war. Nina lehnte eine solche stillschweigende Annahme ab, ohne verlässliche Beweise - und sie tat es auf ihre Weise, durch unzählige öffentliche Auftritte; ihre bloße physische Präsenz war eine eindrucksvolle Erinnerung an Beamte und einflussreiche Instanzen, was sie tun sollten und könnten, um die volle Wahrheit über das Schicksal ihres Bruders zu ermitteln, wenn sie nur den Willen zum Handeln aufbrächten. Indem sie dies tat, erinnerte sie alle daran, dass der Kampf für die Menschenrechte uns alle betrifft und angeht. Ich hat mich sehr bewegt, dass Nina trotz mangelnder Gesundheit im jahr 2017 am "Raoul Wallenberg International Roundtable" in Stockholm teilnahm (der die Fälle ihres Bruders und anderer verschwundener Schweden hervorhob), um genau diese Tatsache zu unterstreichen.

Es gibt wahrscheinlich keinen größeren Schmerz, als mit dem unaufgeklärten Verschwinden eines geliebten Menschen zu leben. Das Verschwinden macht es unmöglich, mit dem Verlust leben zu werden. Es macht es unmöglich, Ruhe zu finden, weil man immer das Gefühl hast, dass es etwas anderes gibt, was man unternehmen sollte, um diesen Alptraum zu beenden. Nina hat diese schwere Last über sieben Jahrzehnte getragen, ebenso wie ihr Bruder Guy und ihre Eltern vor ihnen. Und genau wie die anderen Mitglieder ihrer Familie, gab und gab Nina nicht auf. Aber dieser unaufhörliche Kampf forderte seinen Tribut. Nina trug ihren Schmerz nicht in die Öffentlichkeit. Es war ihre Familie - ihr Mann Gunnar und die vier Kinder, die beide gemeinsam großgezogen, sowie ihre vielen Enkelkinder -, die einen wichtigen Ort des Trostes und der bedingungslosen Unterstützung boten. Bei ihnen fand Nina ihre größte Freude, konnte sie wirklich sie selbst sein und Kraft schöpfen.

Nina Lagergren hinterlässt ein kraftvolles Vermächtnis - Mut, Widerstand, Loyalität und Liebe - und die Welt wird ihre Abwesenheit spüren.

Die Forschung nach dem Schicksal ihres Bruders wird weitergehen - Raouls unmittelbare Familie ist nicht mehr bei uns, aber Nina Lagergrens Suche nach Anworten werden wir fortsetzen.


Susanne Berger, MA
Koordinatorin
THE RWI-70
www.rwi-70.de
Washington DC (USA)

Foto: ©Ryan Parker
Kontakt: info@fritz-bauer-blog.de

 

Zitat: Susanne Berger, Nina Lagergren (1921-2019), in: Fritz Bauer Blog, 13. April 2019, https://www.fritz-bauer-blog.de/de/startseite/aktuell/susanne-berger-nina-lagergren-1921-2019.