Raoul Wallenberg hat Besseres verdient

Von Mikael Oscarsson

Warum hat das schwedische Aussenministerium 2011 beschlossen, neue und Informationen im Fall des schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg geheim zu halten, ohne die Familie von Raoul Wallenberg oder die Öffentlichkeit zu informieren?

Während der formellen "Anhörung" im schwedischen Parlament am 7. Februar (diesen Jahres, d. Red.) behauptete die schwedische Außenministerin Anne Linde, dass "die schwedische Regierung im Laufe der Jahre daran gearbeitet hat, durch den Dialog mit der Sowjetunion und Russland in Zusammenarbeit mit anderen Ländern größtmögliche Klarheit in diesem Fall zu erlangen". ("Regeringen har genom åren verkat för att skapa största möjliga klarhet i hans ärende genom dialog med Sovjetunionen och Ryssland och i samarbete med andra stater.")  Sie fügte hinzu, dass "Schweden konsequent alle verfügbaren Unterlagen über Raoul Wallenberg angefordert hat." ("Sverige har konsekvent efterfrågat all tillgänglig dokumentation rörande Raoul Wallenberg.") (SvD, 23/2)

Eine Überprüfung der Tatsachen im vorliegenden Fall spricht jedoch dagegen.

Es ist klar, dass die aufeinander folgenden sowjetischen und russischen Regierungen  wichtige Informationen über das Verschwinden von Raoul Wallenberg und die offizielle Version seines Todes in einem sowjetischen Gefängnis am 17. Juli 1947 absichtlich geheim gehalten haben.

Als schwedische Diplomaten 2009 die Information erhielten, dass Raoul Wallenberg "sehr wahrscheinlich" mit einem sogenannten Gefangenen Nr. 7 identisch ist, der am 22. und 23. Juli 1947 – sechs Tage nach Wallenbergs offiziellem Sterbedatum – verhört wurde, war dies die sensationellste Nachricht im Wallenberg Fall seit 1957. Dennoch ergriff die schwedische Regierung keine entscheidenden Schritte.

Weder der frühere Außenminister Carl Bildt noch der frühere Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt  sprachen die neuen Informationen 2009 bei dem Besuch des damaligen russischen Präsidenten Medwedew in Stockholm an. Auch im Jahr 2010 wurde das Thema bei einem Treffen mit dem damaligen russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin in Moskau nicht erwähnt.

Die schwedische Regierung wusste, dass sie jahrzehntelang getäuscht worden war – selbst in den Jahren, in denen eine offizielle Untersuchung angeblich "nichts unversucht ließ" – beschloss jedoch, nicht zu protestieren.

Als zwei hochrangige Archivare des russischen Staatssicherheitsdienstes (FSB) in den Jahren 2011 und 2012 unabhängig voneinander bestätigten, dass Raoul Wallenberg mit dem Gefangenen Nr. 7 identisch ist, haben schwedische Beamte die Informationen als geheim gestempelt und – wiederum – nichts unternommen. Sie haben es ebenso versäumt, Raoul Wallenbergs Familie oder seine Forscher zu informieren.

Als FSB-Beamte anschließend Mitgliedern von Raoul Wallenbergs Familie und schwedischen Diplomaten den Zugang zu wichtigen Unterlagen über den Häftling Nr. 7 verweigerten, protestierte das schwedische Außenministerium nicht energisch. Auch hat kein hoher schwedischer Beamter das Problem jemals öffentlich angesprochen. 

2011 informierte der frühere stellvertretende Leiter des FSB Direktorats für Registrierung und Archiv Sammlungen, Oberst Wladimir Winogradow, einen schwedischen Diplomaten in Moskau [darüber], dass Raoul Wallenberg definitiv nach seinem offiziellen Sterbedatum vom 17. Juli 1947 verhört wurde. Oberst Winogradow sagte nicht "Es könnte so sein", sondern er sagte "Es war so." Winogradows Aussage ist die klarste Bestätigung, dass die offizielle sowjetische Version des Schicksals von Raoul Wallenberg eine Lüge ist. Aber anstatt der Behauptung von Oberst Winogradow sofort nach zu gehen und die Situation zu klären, beschloss das schwedische Außenministerium, die Informationen zu ignorieren und geheim zu halten.

Als FSB-Beamte Raoul Wallenbergs Familienmitgliedern und schwedischen Diplomaten den Zugang zu Schlüsseldokumenten über den Gefangenen Nr. 7 verweigerten, folgten keine heftigen schwedischen Proteste. Darüber hinaus wurde in dem vom schwedischen Außenministerium Ende 2012 veröffentlichen Abschlussbericht über die offizielle Untersuchung des Wallenberg-Falls konstatiert, der FSB habe seit 2009 seine Behauptung "herunter gespielt", dass Raoul Wallenberg und der Gefangene Nr. 7 identisch seien. Schwedische Beamte versäumten es zu erwähnen, dass sie hinter den Kulissen genau das Gegenteil  gehört hatten.

Die schwedische Regierung nutzt gerne jede Gelegenheit, um Raoul Wallenberg als schwedischen Helden und  also Symbol für Zivilcourage zu würdigen. Aber die Ehrungen klingen falsch, wenn klar steht, dass schwedische Beamte  offensichtlich nicht "tun was sie können", um den Fall zu klären.

In einer parlamentarischen Debatte im April 2018 vermied es die ehemalige Außenministerin Margot Wallström zweimal, Fragen zum  Gefangenen Nr. 7 zu beantworten. Dies trotz der Tatsache, dass sie sehr wohl hätte wissen müssen, dass russische Quellen bestätigt hatten, dass der Gefangene Nr. 7 Raoul Wallenberg war. Dennoch wagt es die derzeitige Außenministerin Ann Linde zu sagen: "Im Laufe der Jahre hat die schwedische Regierung daran gearbeitet, im Fall von Raoul Wallenberg größtmögliche Klarheit zu erreichen."

Vor diesem Hintergrund ist es durchaus ermutigend, dass Außenministerin Linde am 4. Februar  bei ihremTreffen mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow in Moskau  die jüngste Anfrage der Familie Wallenberg nach Zugang zu Informationen und Unterlagen, die ganz offensichtig in russischen Archiven vorhanden sind, persönlich angesprochen hat. 

Es bestehen jedoch noch wichtige Fragen, die die schwedische Regierung selbst beantworten muss.

Warum hat das Außenministerium nicht darauf bestanden, dass Russland zusätzliche Informationen über den Gefangenen Nr. 7 zugänglich macht?

Warum wurde Raoul Wallenbergs Familie, Forschern und der schwedichen Öffentlichkeit nicht mitgeteilt, dass russische Quellen bereits im Oktober 2011 klar bestätigten, dass der schwedische Diplomat nach seinem offiziellen Todesdatum noch am Leben war? Und warum hat das schwedische Außenministerium anscheinend die russische Behauptung akzeptiert, dass keine weiteren relevanten Informationen über Wallenbergs Verschwinden verfügbar sind? Die russischen Behörden kennen nicht unbedingt jedes Detail über Wallenbergs Schicksal, aber sie wissen mit Sicherheit mehr, als sie bislang veröffentlicht haben

Es ist ein echter Skandal. Raoul Wallenberg hat Besseres verdient.

Sein Schicksal ist weiterhin wichtig, sowohl für seine Familie als auch für die schwedische Öffentlichkeit. Die Regierung  muss nun klarstellen, dass der Fall eine offizielle Angelegenheit bleiben wird bis die noch offenen Fragen zum Verschwinden von Raoul Wallenberg vollständig geklärt sind.

 

Mikael Oscarsson ist Mitglied des schwedischen Parlaments.

Quelle: Svenska Dagbladet, 15. März 2020.
 

Kontakt: info@fritz-bauer-blog.de

 

Zitat: "Raul Wallenberg hat Besseres verdient", von Mikael Oscarsson, Svenska Dagbladet, 15. März 2020, in: Fritz Bauer Blog, 17. März 2020, URL: https://www.fritz-bauer-blog.de/de/startseite/aktuell/raoul-wallenberg-hat-besseres-verdient-18-03-2020.