Rezension

Mathias Weilandt

Der kranke Leviathan

Über das Buch TextTäter – Knast oder Krieg, Band I: Kindheit und Jugend von Ronny Ritze. Erschienen im Garamond Verlag im März 2018.

 

Von Mathias Weilandt

Auf dem Titelblatt der staatstheoretischen Schrift Leviathan des Engländers Thomas Hobbes aus dem Jahr 1651 sehen wir den personifizierten Souverän, der über Städte und Land und deren Bewohner herrscht. Sein Körper besteht aus den Menschen, die in den Gesellschaftsvertrag eingewilligt haben. In seinen Händen hält er Schwert und Krummstab, die Zeichen für weltliche und geistliche Macht. Überschrieben ist die Abbildung durch ein Zitat aus dem Buch Hiob (41,25 EU): „Keine Macht auf Erden ist mit der seinen vergleichbar“.

Wir sind heute verleitet dieses Bild und das dem Bild zugrunde liegende Verständnis staatlicher Macht, welches Thomas Hobbes in diesem bedeutenden Werk westlicher politischer Philosophie dargestellt hat, als überkommen paternalistisch zu betrachten. Es fällt schwer, das auf der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ruhende westliche Staatsverständnis in den hobbesschen Worten und Bildern wieder zu entdecken. Das Buch TextTäter – Knast oder Krieg von Ronny Ritze, erschienen im Garamond Verlag im Frühjahr 2018, lenkt unseren Blick in ein Teilsystem des Staates, in dem man den Leviathan noch heute unvermittelt und unverstellt begegnen kann – dem Gefängnis.

Der Autor und Trainer für therapeutisches und kreatives Schreiben Ronny Ritze hat sich für sein Buch auf den Weg durch deutsche Justizvollzuganstalten gemacht. Das Ergebnis ist der erste Teil eines auf zwei Bände angelegten Buchprojektes TextTäter ,der sich unter dem Titel „Kindheit und Jugend“ jungen Straftätern widmet. Band 2 des Projektes, der für Oktober 2018 angekündigt ist, soll sodann „Jugend und Erwachsenenalter“ in den Fokus rücken.  

Für diesen ersten Band entstanden in verschiedenen Justizvollzugsanstalten im Rahmen von Schreib-Werkstätten mit Jugendstrafgefangenen Texte von den jungen Tätern und von Ritze selbst. TextTäter umfasst Ergebnisse dieser Werkstätten und gibt dadurch Einblick in die Lebenswelten von jugendlichen und heranwachsenden Straftätern.   

Dabei mäandert der Textfluss des Buches zwischen Ritzes Text und den Texten der Gefangenen. Durch diese Brechungen und Wechsel gelingt es dem Buch, fortlaufend Perspektive und Reflexionsebene zu verändern, ohne dass Ritze dabei der Versuchung unterliegt, den Blick auf die „Tätertexte“ durch seine eigenen Beiträge erklären oder gar analysieren zu wollen. Innen und außen verschwinden so bisweilen in den Textabfolgen und werden dann wieder herausgearbeitet. Die Welt diesseits und jenseits der Zäune und Mauern verschwimmt ineinander und wird an anderer Stelle unversöhnlich gegenüber gestellt.

Unterbrochen wird dieser Textfluss durch zwei Interviews. Der ehemalige Gefängnisdirektor, Rechtsanwalt und Autor Thomas Galli und der Gangster-Rapper Alexander Terboven eröffnen weitere Innen- und Außenperspektiven auf den Umgang mit Straffälligkeit und auf das Gefängnis – aber auch auf ihren eigenen künstlerisch-literarischen Zugang zu diesen Themen.

Die Breite der Autorenschaft, das unterschiedliche Format der Texte und die damit verbundenen abrupten Perspektivwechsel erzeugen einen Sog, der die Textfragmente verbindet. Vielleicht liegt gerade in dieser fragmentierten Annäherung an das Gefängnis die besondere Reflexionsbreite dieses Bandes begründet. Sie vermittelt uns, dass ein Verständnis des totalen Systems Gefängnis mit seinem absoluten Geltungsanspruch gegenüber den ihm Unterworfenen weniger durch Erklärung und Beschreibung, als vielmehr durch eigene Erfahrung gewonnen werden muss.  

Und so steht uns denn auch unvermittelt der Leviathan vor Augen, wenn Galli im Interview Jurist_innen rät: „Sie müssen das System Gefängnis als riesengroße gestörte Person betrachten, die eine massive Selbstwertproblematik hat, paranoid und zwanghaft ist und ein Stück weit sadomasochistisch. Sie müssen dieser Person immer das Gefühl geben, dass sie Recht hat.“

Er mag hier krank und angegriffen erscheinen, der Leviathan – psychologisiert und analysiert. Verunsichert von seinem eigenen Absolutheitsanspruch gegenüber dem Straffälligen, in einer Umwelt, die an die Geltendmachung derlei Ansprüche nicht mehr gewöhnt zu sein scheint, erscheint er reif für die Couch. Doch es ist unverkennbar er, der Souverän. Und es sind unverkennbar die Menschen, die ihm – mal mehr, mal weniger davon beschämt – diesen Anspruch zubilligen, obwohl ihnen seine Unzulänglichkeiten oft nur allzu gut bekannt sind.

Die auf Resozialisierung hoffende Vernunft – so lesen wir es auch in diesem Buch – spricht dagegen, Menschen mit dem Ziel, sie mögen nicht mehr straffällig werden, in Gefängnisse zu sperren. Alternativen zum Gefängnis werden breit diskutiert. Also Gefängnisse abschaffen? Auch diese Frage richtet Ritze in dem Band an die jugendlichen Strafgefangenen. Die mehr oder weniger einhellige Antwort: Schon, ja, aber was kommt danach?  

„Keine Macht auf Erden ist mit der seinen vergleichbar“ lässt Hobbes zum Leitspruch seines Souveräns werden. Und keine Alternative scheint umfassend genug, das totale System Gefängnis ersetzen zu können. Das Aufgeben des Gefängnisses bedeutet schlicht, die Aufgabe staatlicher Souveränität (vulgo staatlicher Kontrolle) nicht nur gegenüber dem Individuum an sich, sondern ausgerechnet gegenüber jenem Individuum, das diese Souveränität durch seine Tat angefochten hat. Darin liegt die grundsätzliche Erkenntnis: Wir müssten einen Souverän erschaffen, der weder paranoid noch zwanghaft ist. Wir müssten das Gefängnis aufgeben, obwohl es keine Alternative dazu gibt.

 

Autor der Gastrezension: Mathias Weilandt, Jurist, ehem. Leiter der Justizvollzugsanstalt Zeithain, Geschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen in Sachsen

Webseite von Ronny Ritzes Projekt "Texttäter"

Kontakt: info@buxus-stiftung.de

 

Zitat: https://www.fritz-bauer-blog.de/de/startseite/aktuell/mathias-weilandt-12-08-2018-der-kranke-leviathan