Zum 75. Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler

Kurt Nelhiebel

 

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Der 20. Juli als Feiertag

Ein Vorschlag zum 75. Jahrestag des Attentats auf Hitler

 

Von Kurt Nelhiebel

Bremen (Weltexpresso) - Taugen Persönlichkeiten wie Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg noch als Identifikationsfiguren einer „postheroischen Gesellschaft“, die sich vor allem an ihren neuen jugendlichen „Helden“ wie Greta Thunberg, Rezo oder Luisa Neubauer berauscht, fragt der Militärhistoriker Klaus Naumann in der jüngsten Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik. (Heft 7/2019). Ohne sich auf Naumann zu beziehen, hat die Enkelin eines der Mitstreiter Stauffenbergs, Elisabeth Ruge, in der Süddeutschen Zeitung vom 19. Juli 2019 darauf umfassend geantwortet.

Ihr Großvater Fritz-Dietlof von der Schulenburg (1902-1944) wurde nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 von den Nazis ermordet. In seinem Schlusswort nach Verkündung des Todesurteils bekannte er: „Wir haben diese Tat auf uns genommen, um Deutschland vor einem namenlosen Elend zu bewahren. Ich bereue meine Tat nicht und hoffe, dass sie ein anderer in einem glücklicheren Moment durchführen wird.“

Im Gespräch mit Joachim Käppner sagte Elisabth Ruge, der Widerstand gegen Hitler spiele für die Identität unserer demokratischen Gesellschaft ungeachtet neuer Bücher und der Benennung von Bundeswehrkasernen nach Widerstandskämpfern fast keine Rolle. „Man gedenkt seiner eher auf routinierte Weise, aber nur wenige interessieren sich wirklich dafür. Das ist paradox, weil der Widerstand gegen das Naziregimes so vielfältig und eben nicht nur Sache einiger Offiziere gewesen ist. Diese Menschen laden zur Identifikation doch förmlich ein, aber wir kennen sie kaum. Denken wir doch nur an die vielen Gewerkschafter wie Wilhelm Leuschner, die Sozialdemokraten Julius Leber und Carlo Mierendorff, die Kommunisten Anton Saefkow und Franz Jacob, an Liane Berkowitz von der ‚Roten Kapelle’, an Christen wie Elisabeth von Thadden oder Hans von Dohnanyi.“

Im Verlauf des Gespräches ging Elisabeth Ruge, die dem Vorstand der Stiftung 20. Juli angehört, auf die Ursachen des Desinteresses ein. Da müsse man zurückgehen bis zum Kriegsende, sagte sie. „Die meisten Deutschen hatten sehr wenig Interesse, sich von den Überlebenden aus dem Widerstand den Spiegel vorhalten zu lassen und anzuerkennen, dass Widerstehen eben doch möglich gewesen war. In den Gerichten saßen viele ehemalige Nazis, und es brauchte Ausnahmepersönlichkeiten wie den Staatsanwalt Fritz Bauer, damit der Widerstand nicht weiterhin als Verrat eingestuft wurde. Später, in der linken Erinnerung seit den 68ern, gab es so ein Gefühl: Wenden wir uns dem Widerstand zu, dann wenden wir uns von den Opfern des NS-Staates ab. So blieb der Widerstand an den Rand gedrängt.“

Auf die Frage, wie man das offizielle Gedenken zum 20. Juli anders gestalten könne, antwortete Elisabeth Ruge: „Wir sollten die Menschen des Widerstands für unsere Gegenwart lebendig machen. Warum machen wir den 20. Juli nicht zu einem offiziellen Feiertag? Nicht nur zum Gedenken des konservativ-militärischen Widerstands, sondern auch all der anderen Gruppierungen, die beteiligt waren. Da bildet sich die ganze Bandbreite des Widerstands ab. Wir sollten auch an die vielen Menschen aus dem Rettungswiderstand erinnern, die jüdischen Verfolgten Lebensmittelkarten überlassen haben oder Verstecke besorgten. Es wäre ein großer Tag, der auch gerade in dieser verworrenen Zeit ein Zeichen für Demokratie, Grundgesetz und Menschenrechte sein könnte.“

Der 75. Jahrestag des gescheiterten Versuchs, Deutschland von Hitler zu befreien, ist vielleicht die letzte Gelegenheit für eine parlamentarische Initiative, den 20. Juli zum offiziellen Feiertag zu machen, ehe die Erinnerungen weiter verblassen. „Wie wir der Luft bedürfen, um zu atmen, des Lichts, um zu sehen, so bedürfen wir edler Menschen, um zu leben. Sie reißen uns aus dem Sumpf des Alltäglichen, sie entzünden uns zum Kampf gegen das Schlechte“, schrieb Ricarda Huch über die ermordeten deutschen Widerstandskämpfer. Winston Churchill rief der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg in Erinnerung: „In Deutschland lebte eine Opposition, die zu dem Edelsten gehört, was in der Geschichte der Völker je hervorgebracht worden ist. Diese Männer und Frauen kämpften ohne Hilfe von innen und außen, einzig getrieben von der Unruhe ihres Gewissens. Ihre Taten sind das unzerstörbare Fundament eines neuen Aufbaus.“

Leider ist manches anders gekommen. Entgegen allen Beteuerungen, dass es einen Schlussstrich unter die Vergangenheit niemals geben werde, dominiert das Schlussstrichdenken längst die politische Wirklichkeit, verbreiten die Gespenster der Vergangenheit längst wieder ihren Modergeruch. „Nichts gehört der Vergangenheit an“, mahnte Fritz Bauer, „alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“ Ein gesetzlicher Feiertag zu Ehren all derer, die gegen den Faschismus gekämpft und unter ihm gelitten haben, könnte dem entgegenwirken. Noch ist es Zeit.

Quelle: Weltexpresso (Frankfurt am Main)

 

Von Kurt Nelhiebel, Kultur- und Friedenspreisträger der Villa Ichon (Bremen), erschien in der antifaschistischen Wochenzeitung DIE TAT vom 18. Juli 1959 bereits der nach wie vor aktuelle Beitrag: "Was wollten die Männer des 20. Juli? Zum 15. Jahrestag des Attentats auf Hitler". Der Beitrag erschien unter dem Pseudonym Peter Nau und ist auf der Webseite von Kurt Nelhiebel nachzulesen. Der Autor beleuchtet darin die Ziele der Attentäter und ihre wenig beachteten Kontakte zum Widerstand aus den Reihen der Arbeiterschaft.

 

Autor: Kurt Nelhiebel (Journalist und Publizist), www.kurt-nelhiebel.de
Kontakt: info@fritz-bauer-blog.de
Foto: Headerbild ©Pawel Czerwinski; Porträt Kurt Nelhiebel ©Manja Hermann

 

Zitation: Kurt Nelhiebel, "Der 20. Juli als Feiertag. Ein Vorschlag zum 75. Jahrestag des Attentats auf Hitler", in: Fritz Bauer Blog, 20. Juli 2019, URL: https://www.fritz-bauer-blog.de/de/startseite/aktuell/kurt-nelhiebel-20-07-2019-der-zwanzigste-juli-als-feiertag