Nour Abdal Khalek

Überall kann man sterben

Überall kann man sterben

Ich wusste das, aber ich hatte keine Wahl

 

Nour Abdal Khalek im Interview mit Daniela Collette

 


Die junge Mutter Nour Abdal Khalek nahm Unvorstellbares auf sich, um ihren Kindern ein Leben in  Frieden und Sicherheit zu ermöglichen. Als alleinerziehende Mutter war sie nach ihrer Scheidung im durch Krieg zerrütteten Syrien ohne Unterstützung, so dass ihr keine andere Wahl blieb, als nach Europa zu fliehen. Die Erlebnisse ihrer Flucht und ihre erste Zeit in Deutschland, die geprägt war von Fremdenfeindlichkeit und auch institutionellem Rassismus durch die Behörden, schildert sie in zwei Artikeln der Zeitschrift Here – in Bochum, bei der sie als ehrenamtliche Redakteurin arbeitet. Auch wenn es ihr mittlerweile besser geht, fällt es ihr schwer, über diese Zeit zu sprechen. Umso mehr danken wir ihr, uns dieses Interview als wichtige Zeitzeugin der aktuellen Geschehnisse zu gewähren. 

In der „Fritz Bauer Bibliothek – Im Kampf um des Menschen Rechte“ ist ein Artikel über Nour Abdal Khalek zu finden.


 

Als Frau allein hat man keine Unterstützung


DC: Hallo Nour, vielen Dank für das Interview. Du bist in Damaskus aufgewachsen und hast dort 26 Jahre gelebt. Kannst Du uns etwas über Deine Kindheit und Jugend in Damaskus erzählen? Was hat Dich besonders geprägt?

NAC: Meine Kindheit in Damaskus war eine schöne Zeit. Ich bin in einer liebevollen Familie aufgewachsen. Besonders geprägt hat mich mein Vater, der war ein großes Vorbild für mich. Ich hatte eine starke Verbindung zu ihm, er war meine engste Vertrauensperson.

DC: Du hast dann in Damaskus Anglistik studiert? Wann war das? 

NAC: Ich habe 2008 mein Abitur gemacht und dann an der Universität Damaskus studiert. Parallel habe ich aber auch eine Ausbildung zur Informatikerin gemacht. Anglistik war gar nicht meine erste Wahl, ursprünglich wollte ich BWL (Betriebswirtschaftslehre) studieren. Aber dafür reichte mein Abiturdurchschnitt leider nicht aus.

DC: Was hast Du nach dem Studium gemacht?

NAC: Ich habe schon während des Studiums zwei Kinder bekommen, also war ich danach erstmal Mutter von zwei kleinen Kindern. Ich habe in einem Übersetzungsbüro und zusätzlich als Nachhilfe-Lehrerin gearbeitet.

DC: Als Deine Kinder noch klein waren, hast Du Dich scheiden lassen? Was bedeutet das für eine Frau in Syrien?

NAC: Das bedeutet viele Schwierigkeiten in Syrien. Ohne den Rückhalt meines Vaters hätte ich das nicht geschafft. Man hat keine Unterstützung als Frau alleine.

DC: Der Krieg in Syrien begann 2011. Kannst Du erzählen, wie Du die ersten Kriegsjahre erlebt hast?

NAC: Das ist ein viel zu großes Thema, um es hier zu besprechen. Ich kann da nach wie vor in der Öffentlichkeit nicht drüber reden. Die Zeit war sehr traumatisierend. Die Kinder waren auch noch sehr klein… (ihre Stimme bricht).

DC: Was hat Dich 2015 bewogen, Syrien zu verlassen?

NAC: Die Situation und Umstände wurden auch in Damaskus zunehmend gefährlicher. Ich wollte ein sicheres Zuhause für meine Kinder. In einem Zeitschriftenartikel habe ich ja auch geschrieben: Überall kann man sterben: auf dem Meer, in den Bergen, auf der Ladefläche eines Lasters. Ich wusste das, aber ich hatte keine Wahl

DC: Wie hat Deine Familie reagiert?

NAC: Meine Familie war geteilter Meinung. Die einen haben mit in dieser Entscheidung bestärkt, die anderen wollten, dass ich in Syrien bleibe.

DC: Wie hast Du die Flucht vorbereitet?

NAC: Vor allem habe ich Informationen gesammelt. So richtig kann man sich da gar nicht vorbereiten (...) Hilfreich war, dass ich gut Englisch spreche.

DC: Siebzehn Tage hat Deine Flucht nach Deutschland gedauert. Kannst Du uns Deine Flucht schildern?

NAC: Über meine Flucht habe ich ja einen Artikel in dem Here - in Bochum Magazin, Sonderausgabe 2018, geschrieben. Es fällt mir weiterhin sehr schwer, hierüber zu sprechen. Ich wollte eigentlich fliegen, aber es gab keine Flugverbindungen von Syrien aus aufgrund eines Finanzembargos. Deshalb sind wir mit dem Auto zuerst in den Libanon gefahren, dann weiter nach Izmir in die Türkei geflogen. Es war schwierig dort, weil ich kein Türkisch und nur wenige Türken dort Englisch sprechen.

Von Izmir aus wollten wir mit dem Boot weiter nach Griechenland. Dreimal haben wir es versucht. Beim ersten Mal ist das Boot untergegangen, weil ein Loch darin war. Mein Sohn konnte schon schwimmen, meine Tochter nicht. Aber dank der Schwimmwesten ging alles gut. Beim zweiten Mal hat uns die türkische Polizei am Strand festgenommen. Alle Geflüchteten mussten ein Papier unterschreiben, dass sie nicht noch einmal versuchen würden, die Türkei zu verlassen. Diejenigen, die sich weigerten, dass Papier zu unterschreiben, wurden in ein Flüchtlingscamp abgeschoben. Ich habe das zwar unterschrieben, aber ich wollte unbedingt nach Deutschland. Beim dritten Mal mussten wir uns lange ohne Essen in den Bergen verstecken und auch dort schlafen, weil die Polizei das Boot beschlagnahmte und wir auf ein anderes sechzehn Stunden warten mussten. Das Essen für meine Kinder ging mir dabei aus und ich beschloss, nach Istanbul zu fahren um von dort aus mein Glück zu versuchen.

Beim vierten Versuch, mit dem Boot über das Mittelmeer zu kommen, waren wir schon drei Stunden auf dem Meer, als plötzlich der Bootsmotor ausfiel. Wir trieben zwei Stunden lang auf dem Meer, als zufällig ein türkisches Fischerboot vorbeikam und uns in die Türkei zurückbrachte. Beim fünften Mal haben wir es dann geschafft, Griechenland zu erreichen. Von dort aus haben wir versucht, irgendwie einen Weg nach Deutschland zu finden. Erst sind wir mit dem Bus nach Mazedonien gefahren, dann mit dem Zug nach Serbien. Von dort sind wir gelaufen: von Serbien nach Kroatien, von Kroatien nach Ungarn, von Ungarn nach Österreich, von Österreich nach Deutschland. Ich habe nächtelang nicht geschlafen, weil ich Angst um meine Kinder hatte. In Österreich und Deutschland sind wir zum ersten Mal nett behandelt worden und meine Kinder mussten keine Angst vor der Polizei haben.  

DC: Was hat Dir Kraft gegeben, diese schlimmen Situationen zu überstehen?

NAC: Meine Kinder und der Glaube an mich selbst.

DC: Deine erste Zeit hier hast Du in einer Erstaufnahme-Einrichtung im Osten Deutschlands verbracht. Kannst Du uns von dieser Zeit erzählen?

NAC: Das ist sehr schlimm für mich, hierüber zu erzählen, das macht mich immer wieder schwach… (ihre Stimme bricht mehrmals).


Am 42. Tag im Osten Deutschlands begann das positive Bild zu bröckeln


DC: Du hast in einem Deiner Artikel geschrieben, dass an Deinem 42. Tag im Osten Dein bisher positives Bild von Deutschland zu bröckeln begann. Was ist da passiert?

NAC: Die Menschen im Osten waren unfreundlich, nicht hilfsbereit und zum Teil fremdenfeindlich. Ich war echt schockiert. Im November...  (die Stimme bricht) Das Erzählen und immer wieder Nachdenken über diese Dinge ist schlecht für meine Gesundheit und mein Arzt rät mir hiervon ab.

Ich habe da den Widerwillen der deutschen Behörden, mit mir Englisch zu sprechen, zu spüren bekommen. Ich konnte ja noch kein Deutsch. Ja, ich weiß, dass ich in Deutschland bin und ich will ja auch die Sprache so schnell wie möglich lernen. Aber ich war damals gerade einen Monat zuvor angekommen! Wie sollte ich mich so schnell auf Deutsch verständigen können?

DC: Du schreibst, Du hättest unter Androhung, Du und Deine Kinder müssten dann im November auf der Straße schlafen, ein Formular unterschreiben müssen. Was war das für ein Formular?

NAC: Als ich mit meinen Kindern aus dem Camp in eine Wohngemeinschaft umzog, zog ich mit einer Syrerin zusammen, die auch alleinerziehende Mutter von zwei Kindern war. Wir freundeten uns an. Die Sozialarbeiterin, deren Aufgabe die Unterbringung der Geflüchteten war, zwang uns,  nach kurzer Zeit umzuziehen. Wir mussten in ein Heim in ein zwölf Kilometer entferntes Dorf ziehen, wo es noch nicht mal einen Supermarkt oder einen Bahnhof gab, wo zweimal am Tag ein Bus fuhr - um 7 und um 16 Uhr. Die Sozialarbeiterin entschied über uns per Zufallsprinzip. Sie zwang uns, ein Formular zu unterzeichnen und drohte uns damit, dass wir sonst auf der Straße schlafen müssten – es war November – und wieder nach Syrien geschickt werden würden. Ich war tief schockiert. Ist es zu glauben, dass man in Deutschland unter Androhung Dinge unterschrieben muss? Ich bin hierher gekommen, um in einer Demokratie zu leben.

DC: Wie war die Zeit in dem Dorf, da warst Du ja alleine?

NAC: Das war die schlimmste Zeit in meinem Leben. Ich war in einem fremden Land ohne Familie, ohne Freunde, ohne Zukunft und ohne Hoffnung. Ich ging nicht mehr aus dem Haus, saß nur noch da und wartete auf die Aufenthaltsgenehmigung.

DC: Hast Du Alltagsrassismus erlebt? Erlebst Du heute noch Alltagsrassismus?

NAC: Im Gegensatz zu hier bin ich im Osten viel öfter mit Alltagsrassismus konfrontiert worden, sehr oft, ja. Meine Kinder und ich erfahren hier im Westen eine Menge Toleranz und Hilfe.

DC: Du hast in Deinem Artikel einige fremdenfeindliche Übergriffe aus Deiner Zeit im Osten beschrieben, wie die Sprengung des Briefkasten durch Böller und der Angriff auf die spielenden Kinder mit dem Auto. Deine Kinder sind ja auch durch Krieg und Flucht traumarisiert. Wie geht man damit um?

NAC: Meine Kinder und ich machen mittlerweile eine Psychotherapie und dadurch haben wir Unterstützung bekommen. Diese Therapie läuft bis jetzt. 

DC: Diese Therapie hat aber erst hier in Bochum angefangen. 

NAC: Ja.

DC: Hast Du damals auch Unterstützung bekommen?

NAC: Nein, überhaupt nicht.

DC: Was sagt man danach seinen Kindern?

NAC: Ich habe versucht, Ihnen Kraft zu geben. Ich habe gesagt, seid mutig, seid stark. Ich konnte da nicht viel machen.

DC: Du hast dann ein Gespräch mit dem Direktor des Heimes gesucht. Hat das was gebracht?

NAC: Nein, das Gespräch führte zu keiner Verbesserung meiner Situation. Die Situation hat sich eher noch ein bisschen verschlechtert.

DC: Inwiefern?

NAC: Jeder Geflüchtete bekommt einen Brief, das erste Schreiben vom BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge). Ich habe diesen Brief nicht bekommen – bis heute nicht! Ich weiß nicht, wo dieser Brief ist. Ich weiß nicht, die haben den Brief verschwinden lassen, versteckt, ich weiß nicht… (die Stimme wird immer leiser).

DC: Du glaubst, sie haben Dir den Brief vorenthalten?

NAC: Ja.

DC: Dann hast Du Deine Aufenthaltserlaubnis bekommen und musstest erfahren, dass diese schon drei Monate zuvor ausgestellt wurde. Was ging da in Dir vor?

NAC: Ich war wütend und auch müde.

DC: Hast Du die Sozialarbeiterin darauf angesprochen? Hat sie was dazu gesagt?

NAC: Ja. Aber sie hat alles abgestritten und gesagt, sie weiß nicht, wo der Brief ist.

DC: Du bist dann nach Bochum umgezogen. Wie war Deine Zeit in Bochum? Erlebst Du auch hier Alltagsrassismus? Erleben Deine Kinder in Kindergarten und Schule Ablehnung?

NAC: Hier in Bochum ist es gut. Meine Kinder erfahren eine Menge Toleranz und Offenheit. Es läuft gut im Moment. Meine Kinder gehen in die Schule und fühlen sich dort wohl.

DC: Du hast geschrieben, Du hättest nach der schweren Zeit in Ostdeutschland immer noch Angst, im Dunkeln auf die Straße zu gehen. 

NAC: Jetzt nicht mehr, in Bochum ist das besser geworden.

DC: Du bist Redakteurin der Zeitschrift  Here - in Bochum. Was bedeutet das für Dich?

NAC: Ich bekomme Anerkennung und Motivation. Ich kann nette Leute kennen lernen. Und ich kann auch außerhalb des Deutschkurses die Sprache lernen. Ich hatte immer im Kopf, wie man hier im Alltag Freunde finden kann, und ich glaube, dass man durch ehrenamtliche Arbeit Freunde finden kann. Und was ganz wichtig ist: Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben erfahren, was Pressefreiheit wirklich bedeutet! Das war anders in Syrien. Da darf man einige Sachen nicht schreiben oder auch nicht drüber sprechen. In der ganzen arabischen Welt gibt es keine wirkliche Pressefreiheit.

DC: Was können wir tun, um Dich zu unterstützen? Welche Hilfe / Unterstützung wünschen sich Geflüchtete von den Menschen in Bochum?

NAC: Von den Menschen in Bochum wünsche ich mir mehr Freundlichkeit und weniger Vorurteile. Sie denken oft: Alles Syrer sind so und alle Menschen sind so... Das erlebe ich schon noch.

Früher habe ich mit dem Arbeitsamt solche Erfahrungen gemacht. Die denken dort, dass alle Syrer nicht arbeiten und nicht Deutsch lernen möchten. Das ist falsch! Ich habe so schnell wie möglich die Sprache gelernt und eine Ausbildungsstelle gefunden und das mit zwei Kindern.

DC: Und jetzt machst Du ja eine Ausbildung im wirtschaftlichen Bereich.

NAC: Ja, zur Steuerfachangestellten.

DC: Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen Dir und Deinen Kindern alles Gute für die Zukunft und viel Erfolg bei der Ausbildung.

Interview: Daniela Collette und Mike Fischer (Kamera)
Kontakt: info@fritz-bauer-blog.de


Links zu den Zeitschriftenbeiträgen von Nour Abdal Khalek

 

1         https://www.yumpu.com/de/document/read/61891576/here-das-magazin-von-gefluchteten-fur-bochum-ausgabe-5

2         https://www.yumpu.com/de/document/read/59893194/here-das-magazin-von-gefluchteten-fur-bochum-sonderausgabe-lieswat

 

Zitat: Nour Abdal Khalek, "Überall kann man sterben. Ich wusste das, aber ich hatte keine Wahl", Gespräch mit Daniela Collette in: Fritz Bauer Blog, 20. Oktober 2019, URL: https://www.fritz-bauer-blog.de/de/startseite/abdal-khalek