31.10.2017

Irmtrud Wojak

Auschwitz-Prozess - 4 Ks2/63 - Frankfurt am Main

Die Verfahrensunterlagen und Tonbandaufnahmen des von dem Juristen Fritz Bauer (1903-1968) initiierten ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses (1963-1965) wurden, wie die deutsche UNESCO-Kommission auf ihrer Webseite mitteilt, als UNESCO-Weltdokumentenerbe ausgezeichnet. Die Kommission tagte vom 24. bis 27. Oktober in Paris.

In dem Prozess, dessen Anklage vom Frankfurter Generalstaatsanwalt Bauer mit einem Team junger Staatsanwälte vorbereitet wurde und für den Bauer historische Gutachten erstellen ließ, die bis heute zur Grundlagenforschung über den millionenfachen Mord in Auschwitz gehören, sagten 221 Zeuginnen und Zeugen aus – Überlebende von Auschwitz und anderer Lager.

Ohne den Mut und die enorme Anstrengung, die die Überlebenden damals auf sich nahmen, indem sie vor einem deutschen Gericht die Wahrheit über Auschwitz und das infame System einer quasi industriellen Mordmaschinerie bezeugten, wäre der Prozess kein solcher historischer Einschnitt geworden. Die Überlebenden von Auschwitz nahmen es auf sich, nahezu unvorstellbare Leidenserinnerungen wiederaufleben zu lassen, während die Angeklagten weder Reue noch Bedauern kannten.

Die Tatsache, dass der Prozess überhaupt zustande kam, ist Überlebenden des Nazi-Regimes zu verdanken. Dass das Gerichtsverfahren Licht in das Dunkel der Geschehnisse von Auschwitz brachte, wäre anhand der vorhandenen Dokumente möglich gewesen. Den Stimmen der Überlebenden und ihren Erinnerungen verdanken wir jedoch viel mehr. Sie sind der lebendige Beweis der Stärke menschlichen Geistes, den die Nazis nicht zerstören konnten.

Anlass für geschichtliches Neudenken

Zu hoffen ist, dass durch die begrüßenswerte Entscheidung der UNESCO, die Unterlagen des Auschwitz-Prozesses als Weltdokumentenerbe auszuzeichnen, weiteres Nachdenken über die Geschichte ausgelöst wird. Das Urteil im Auschwitz-Prozess, das Teil dieser Unterlagen ist, ist schließlich kein Anlass zu (erinnerungs-)politischem Bewältigungsstolz und kein Ruhmesblatt bundesrepublikanischer Justizgeschichte. Abgesehen von der Milde der Strafen, die jedoch letztendlich unerheblich ist, da auch noch so viele Jahre Zuchthaus das Geschehene nicht wiedergutmachen konnten, setzte das Gericht, was gravierender ist, die Praxis der Gehilfenrechtsprechung des Bundesgerichtshofs fort. Es machte aus einem Großteil der Vollstrecker des Massenmords kleine Rädchen in einer Vernichtungsmaschinerie.

Selbst der stellvertretende Kommandant von Auschwitz Robert Mulka war für das Frankfurter Auschwitz-Gericht nur ein unfreiwilliger Gehilfe, ein „Rad in der Vernichtungsmaschinerie“, Instrument der so genannten Haupttäter Hitler, Himmler und Heydrich. Damit war die Pyramide der Verantwortlichkeiten im Lager Auschwitz auf den Kopf gestellt. Das Urteil des Prozesses war ein Spiegelbild der in der deutschen Gesellschaft weit verbreiteten Exkulpationsstimmung, die sich selbst als Opfer betrachtete.

Zu hoffen ist, dass das neue Weltdokumentenerbe der Verfahrensunterlagen und Tonbandaufnahmen des ersten Auschwitz-Prozesses dazu beiträgt, dass die Stimmen der Überlebenden ernster genommen werden. Die Last, die sie auf sich nahmen, darf nicht benutzt oder missbraucht werden, schon gar nicht zum Lobe einer deutschen Erfolgsgeschichte oder um es sich einfacher mit unserer Geschichte überhaupt zu machen. Auschwitz und die Welt der Lager überlebt zu haben ist ein Schicksal, das eine weitaus differenziertere Sicht auf menschliches Leben und unsere Geschichte eröffnet. Es fordert zu aktivem Handeln heraus, zu jenem Widerstand, den der Jurist Fritz Bauer als im Grunde immer schon Kampf um des Menschen Rechte bezeichnet hat, und der nicht enden kann.

Foto: Ausschnitt aus der Zeitschrift Das Parlament, 16.4.1999, über den Auschwitz-Prozess als "Wendepunkt in der Erinnerung"

Zur Webseite der Deutschen Kommission

Beitrag über den Auschwitz-Prozess im Fritz Bauer Archiv