16.04.2017


FRITZ BAUER BRAUCHT KEINE REHABILITIERUNG

Irmtrud Wojak


„Anonymus gegen Fritz Bauer“ und „Flugblatt löst Schadenfreude aus“, so lauteten die Titel im Schwäbischen Tagblatt am 12. April 2017 unter der Rubrik „Übrigens“. Überflüssig ist diese Geschichte tatsächlich, aber nicht überraschend.

Den Wind gesät, der den neuerlichen Sturm auslöste, hat das Frankfurter Fritz Bauer Institut, das in seiner Zeitschrift „Einsicht“ 2015 die den historischen Kontext vergessene Kritik des OLG-Richters Georg D. Falk veröffentlichte, Fritz Bauer habe 1964 an der Einstellung eines Verfahrens gegen einen NS-Richter und NS-Ankläger mitgewirkt und in mehr als hundert Fällen Ermittlungsverfahren gegen NS-Juristen eingestellt. Der SPIEGEL und Mannheimer Morgen berichteten, andere zogen nach.

Kurt Nelhiebel hat dazu alles Notwendige gesagt: http://www.kurt-nelhiebel.de/index.php/portraets/fritz-bauer.

Zwar betont das Fritz Bauer Institut jetzt wieder, Kritiker Falk „sei ein großer Verehrer“ des Instituts-Namensgebers. Aber so ist das nun mal, wenn die Nachricht oder besser gesagt das Gerücht in der Welt ist, macht es sich auf die Reise. Im aktuellen Fall nach Tübingen, wo nach der Umbenennung der Adolf-Scheef in eine Fritz-Bauer-Straße am 27. März 2017 die örtliche Bürgerinitiative, die drei Jahre gegen die Umbenennung kämpfte, ihre Schadenfreude entsprechend unverhohlen zum Ausdruck bringt. Ein anonymer Flugblattschreiber verteilte nämlich vergangene Woche eine Kurzfassung der Kritik von OLG-Richter Falk an Bauers juristischem Handeln in den lokalen Briefkästen. Wasser auf die Mühlen der Gegner der Straßen-Umbenennung, habe sich Bauer demnach doch mit Nazi-Richtern gemein gemacht. Endlich lasse sich ein Makel an dem Gepriesenen ausmachen. Denn die Vorwürfe, schreibt Ulla Steuernagel im Schwäbischen Tagblatt, verfolgten nur ein einziges Ziel: „Sie sollen Bauer diskreditieren“.


Den Anti-Nazi und Kämpfer für die Menschenrechte soll es nicht gegeben haben

Gleiches gilt für die Gerüchte, die das Bauer Institut über den Namensgeber in Umlauf brachte: Fritz Bauer sei ein schwuler jüdischer Nazi-Jäger gewesen, der 1933 seine Partei, die SPD, und nach 1945 seine jüdische Herkunft verraten haben soll.

Der pensionierte Archivar des Instituts müht sich weiterhin ab, diese dem Journalisten Ronen Steinke als die drei großen „Geheimnisse“ Bauers eingeflüsterten Nazi-Behauptungen (der „Jude“ Bauer, der „Verräter“ Bauer, der „schwule“ Bauer) durch immer neue Quellendeutungen zu erhärten. Was daran schon schlimm sei, lautet das Credo, andere hätten sich genauso verhalten. Spekulationen verbieten sich, so die apodiktische Formel, Bauer sei ein gebrochener Held, und wer Gegenteiliges behauptet, betreibe Heiligengeschichtsschreibung. Denn Verehrer Bauers wollen sie natürlich weiterhin sein. Wie auch sonst ließe sich im großen Strom der deutschen Erfolgsgeschichtsschreibung auch weiterhin mitschwimmen? Nur den wirklichen „Helden“ soll es nicht gegeben haben. Den aufrechten Anti-Nazi und Kämpfer für des Menschen Rechte. Allein der Gedanke daran verbietet sich heute scheinbar von selbst.


Was daran schlimm ist?!

Die Frage kann sich jede und jeder selbst beantworten. An erster Stelle die Überlebenden der Nazi-Verfolgung, aber ebenso alle, die heute im Kampf um des Menschen Rechte ihre Existenz und Sicherheit riskieren. Fritz Bauers Leben und Werk können die nachträglichen Diskreditierungsversuche ohnehin nichts anhaben. Wer als Widerstandskämpfer von den Nazis in KZ gesperrt wurde, dreizehn Jahre im Exil leben musste, wer eines der ersten Bücher gegen die Straflosigkeit der NS-Verbrecher publizierte, Adolf Eichmann, Auschwitz, die Verbrechen der Wehrmacht, die NS-Justiz und NS-Medizin vor Gericht brachte, wer sich nach 1945 mit aller seiner Kraft für die Rehabilitierung des Rechts und der Pflicht zum Widerstand einsetzte, braucht selbst keine Rehabilitierung.