19.03.2017


Verwaltungsgerichtshof in Mannheim wies die Klage endgültig ab

Irmtrud Wojak

Bereits am 25. Februar 2017 berichtete das Schwäbische Tagblatt, dass der Umbenennung der Straße zu Ehren des Initiators des Auschwitz-Prozesses nichts mehr im Weg steht. Nach dem Willen des Gemeinderats sollte die bis 1939 nach dem Tübinger Oberbürgermeister Adolf Scheef, den die Nazis zum Ehrenbürger machten, benannte Straße bereits vor drei Jahren ihren Namen wechseln. Bei einer Befragung hatte sich eine Mehrheit der Anwohner jedoch dagegen ausgesprochen. Diese waren vor das Sigmaringer Verwaltungsgericht gezogen, das die Klage am 4. Juli 2016 abwies. Jetzt folgte das abschließende Urteil des Mannheimer Verwaltungsgerichtshofs.

Am 27. März werden die alten Schilder abmontiert, informierte jetzt das Schwäbische Tagblatt (9. März 2017). Die Stadtverwaltung informiert alle Anwohner, Hauseigentümer sowie Firmen, Banken und andere Institutionen. Damit ist ein jahrelanger Streit beendet, auch wenn dies einigen Anwohnern, die ihre Absender deswegen ändern müssen, womöglich immer noch nicht gefällt.


Tübingen - Heimat der Kindheitserinnerungen Fritz Bauers

Die alt ehrwürdige Universitätsstadt Tübingen, wo Fritz Bauer unter anderem evangelische Theologie studierte, ehrt mit der Umbenennung einen Juristen, dessen Leben und Erinnerungen eng mit der Heimatstadt seiner Mutter Ella Gudele Bauer (geborene Hirsch) verbunden sind. Fritz Bauers Großeltern mütterlicherseits, Gustav und Emma Hirsch, lebten hier, die Familie betrieb in der Tübinger Kronenstraße eine Textilgroßhandlung und mit diesem Ort verbinden sich glückliche Kindheitserinnerungen Bauers. Hier in Tübingen kämpften seine Vorfahren für die rechtliche Gleichstellung der Juden, sein Leben lang war sich der Jurist, der selbst keiner Religionsgemeinschaft angehörte, sondern sich in amtlichen Dokumenten stets als „glaubenslos“ bezeichnete, dieser Geschichte bewusst. Der Kampf um die rechtliche Gleichstellung prägte sein Rechtsdenken und Geschichtsbewusstsein, ebenso wie die antisemitischen Anfeindungen, die er als Kind erlebte. Das Bekleidungsgeschäft in der Kronenstraße (siehe Abb., © Privatbesitz), das von Fritz Bauers Onkel Leopold Hirsch weitergeführt wurde, wurde während der NS-Herrschaft "arisiert" - daher der Name Tressel (von Josef Tressel) auf dem Foto. Haus und Geschäft mussten die Hirschs weit unter Wert verkaufen.


„Tübingen, die alte Kronenstraße, die Stille der Alleen“

In Tübingen erfuhr Fritz Bauer, der 1903 in Stuttgart geboren wurde, von der Geburt seiner Schwester Margot (1906). Es war das früheste Ereignis, das er in späteren Jahren „erinnerte“. Hier ein Auszug und eine Fotografie der Familie Bauer aus seiner Biographie, die von der Liebe zu seiner Mutter und ihrer Heimstatt zeugt [1]:

"Die wieder und wieder wachgerufenen Erinnerungen an Tübingen sind die frühesten Zeugnisse vom Leben Fritz Bauers. Er hat sie in einem bewegenden Brief an die Mutter festgehalten: „‚Ich bin heute, schreibst Du, liebe Mutter, nach Tübingen gefahren, um Großvaters Geschäft aufzulösen...’“[2] Erschüttert antwortet ihr Sohn Fritz Bauer – zu diesem Zeitpunkt bereits Flüchtling in Kopenhagen – in geradezu feierlichem Ton: „Erinnerungen werden wach, ich schreibe sie auf, Dir, Mutter, zu Liebe. Wenn ich, wie es in stillen Stunden immer geschah, in mich horchte, rückwärts schaute, stets standen Tübingen, die alte Kronenstraße und ihre Menschen, der betriebsame Markt mit Duft und Lärm, die idyllische Stille der Alleen, der Humanismus der Aula vor mir. Meine frühesten Kindheitserinnerungen ranken um Tübingen; oft habe ich mich verwundert gefragt, wie denn das möglich sei. Jahre um Jahre lebten wir in Stuttgart, wurden hier groß, und der Gesichtskreis weitete sich, aber lebendiger und farbiger als das Spielen in der Heimatstadt und ihrer Straße, das Essen und Schlafen im elterlichen Haus hat sich Tübingen in die Erinnerung eingeprägt.“

Erfüllt von einer tiefen Neigung zu seiner Mutter wanderten die Gedanken Fritz Bauers zurück nach Tübingen, denn dort, so schrieb er an die Mutter Ella, „in seiner Atmosphäre, seinem Klang, seinem Tag und seiner Nacht“, habe er das Kolorit der mütterlichen Welt, ihre dortige Verwurzelung und Bildung gespürt und erfasst, ja, im Eilschritt seiner frühesten Jugendjahre miterlebt. „Auch meint die Wissenschaft“, fuhr er fort, „der Großvater spiegele sich im Enkel. Ich vermag dies alles nicht zu entscheiden. Die Tübinger Jugendtage ragen in der Landschaft meiner ersten Jahre wie Hügel und Berge hervor, während das Stuttgarter Allerlei des Alltags in Vergessenheit getaucht ist.“

Fritz Bauers Tübingen war der Ort seiner Kindheitserlebnisse, auch in den Geschichten und wunderbaren Erzählungen seiner Mutter, die er sich als Kind und heranwachsender Bub noch romantischer, abenteuerlicher und märchenhafter vorstellte als die eigene Kindheit und seine Schuljahre in Stuttgart, die mitten in die Zeit des Ersten Weltkriegs fielen. Weder das berühmte Uhlanddenkmal noch die Bemühungen der Stadtoberen um großstädtischen Glanz konnten ihn ablenken, schrieb Bauer; seine Liebe gehörte einzig und allein der Kleinstadt Tübingen. Sie erinnerte ihn an die Welt des Malers Spitzweg, ganz besonders der Blick von der Neckarbrücke bei den sonntäglichen Familienspaziergängen, „die Fülle kleiner und kleinster Häuser am linken Neckarufer [...], eng aneinandergedrängt, ineinander geschachtelte Dächer, Fenster mit Blumen und Wäsche und alles von der schwäbisch-stolzen und trutzigen Stiftskirche überragt. Die Farbigkeit des Bildes wird vielleicht nur von dem Panorama übertroffen, das sich dem staunenden Reisenden vom Ponte Vecchio in Florenz bietet. Wie fühlte ich mich glücklich […].“

Die Ferien, die er mit seiner Schwester Margot bei den Großeltern in Tübingen verbrachte, blieben Fritz Bauer als wundervolle Reisen in die Vergangenheit zeitlebens in Erinnerung. Tief erschütterten ihn deshalb 1938 die traurigen Nachrichten im Brief seiner Mutter und ließen sogleich die Atmosphäre im großelterlichen Haus wieder lebendig werden – das „Erleben der Kronengasse. Es ist schwer, alle Gefühlswerte wiederzugeben, die das steile Sträßchen für mich barg und die ich heute noch nicht vergessen kann. Alles, auch alles hatte seine Reize. Die Kronenstraße war ein Kaufladen für den Knaben, nicht tot, voll von Geschäftigkeit. […] Da war neben dem Haus der Großeltern der Metzger, daneben der Bäcker, und gegenüber gab es das Mehl. Die Wirtschaft lag zur Linken unseres Hauses. Und bei den Großeltern selbst war im Laden für Kleidung gesorgt. Wenige Häuser entfernt sah, ja schmeckte man das Café, die Konditorei. Alles, was das Herz begehrte, war da; nichts war verschlossen; es war die ganze Wirtschaftswelt des jungen Buben.“

„Wie viele Geheimnisse gab es nicht in der Kronenstraße 6. Alles lag in einem seltsamen Zwielicht. Dabei waren es die einfachsten Dinge der Welt, häufig nur Dinge, die eine oder zwei Generationen zurücklagen.“ Beispielsweise war da das „Fremdenzimmer“ im zweiten Stock, ein viele Jahre mit der Schwester geteiltes Feriendomizil: „[I]ch erinnere mich noch mit der schärfsten Deutlichkeit, was alles ich in meiner Jugendzeit dort fühlte.“ Mit seinem seltsamen Mobiliar wirkte es wie ein Zimmer aus einem Museum: die bunte Absonderlichkeit der Tapete mit riesigen, inzwischen verblassten Chrysanthemen, der obligate rote Plüschsessel und der alte Tisch, die beide „hinkten“, das Sofa, „dessen Eingeweide zeitlebens durch einen schweren Stoff mit bunten Blumen verdeckt waren“. Als junger Knirps, so kam es Fritz Bauer wieder in den Sinn, hatte er es hier zu seiner ersten Ohnmacht gebracht, als er im Schlaf vom Sofa herunter fiel. Eine Szene, über die er seiner Schwester Margot nicht oft genug erzählen konnte.

Überhaupt war das Geschichtenerzählen in Tübingen ein Kapitel für sich. Im Halbdunkel der Gaslampe, die sie aus Angst vor den Mäusen die ganze Nacht mit schwacher Flamme brennen ließen, schrieb Fritz Bauer jetzt, 1938, an seine Mutter, habe er vor dem Einschlafen „Bandwürmer von Erzählungen“ für seine Schwester Margot erfunden. Die Helden der Geschichte bestanden Abenteuer auf Abenteuer, und er habe damals alle Mühe darauf verwandt, die Erzählung fortzuführen, auszudehnen, möglichst lange keinen Schluss zu finden und erst dann, wenn sich einer der Helden in einer ausweglosen Situation befand, seine Zuhörerin auf den nächsten Abend zu vertrösten. „Nur in Tübingen war dergleichen möglich.“"

Ob Fritz Bauers Brief seine Mutter Ella erreicht hat, der es nach der so genannten „Reichskristallnacht“ mit Hilfe ihres Sohnes in letzter Minute gelang, zusammen mit ihrem Ehemann nach Kopenhagen zu entkommen, ist nicht bekannt. Das Geschäft in der Kronenstraße wurde wie gesagt „arisiert“, die ganze Familie auseinandergerissen und Bauers Verwandte lebten nach dem Ende der Nazi-Herrschaft in den USA, Südafrika, Dänemark und Schweden. Bauer selbst kehrte 1949 nach Deutschland zurück, wo er jedoch keine neue Anstellung in seinem geliebten Schwabenland fand.

Anmerkungen

[1] Irmtrud Wojak, Fritz Bauer. Eine Biographie. München: BUXUS EDITION, 2016 (Original 2009), S. 30 ff. (Foto: Familie Bauer, © Privatbesitz).

[2] Vgl. den Brief von Fritz Bauer an seine Mutter Ella Bauer, Sommer 1938, o. D. Der Brief ist aus dem Privatbesitz Dr. Heinz Meyer-Veldes, Oldenburg, in Kopie an Irmtrud Wojak gegeben worden, die das Original der Familie Bauers in Kopenhagen übergeben hat.