12.03.2017


"Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizieren 
reinwaschen"

Rezension

Irmtrud Wojak

Als wären 1945/49 von einem Tag auf den anderen aus überzeugten Nationalsozialisten und einem Heer von Mitläufer*innen und Abhängigen überzeugte und engagierte Demokrat*innen geworden, ist derzeit das Erstaunen über wachsenden Nationalismus, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland groß. Die Folgen der eigenen Inkonsequenz, die Hypothek der gescheiterten Entnazifizierung, so scheint es, wurden nicht wirklich bedacht. Doch wer will sich das schon eingestehen? Das ist der provozierende Ansatzpunkt und sind die Fragen, die der Journalist und Autor Niklas Frank mit seinem Buch aufwirft.

„Ein kleines Beben erschütterte damals die werdende Bundesrepublik“, schreibt der Verfasser (Frank, S. 310), als die Spruchkammer im Sommer 1947 (im Fall Winifred Wagner, I. W.) tagte. Die Deutschen drängten mit jenem lüsternen Blick in den Verhandlungssaal, den sie sonst nur gezeigt hatten, wenn während der vergangenen Diktatur Nachbarn und Bekannte von der Gestapo abgeholt worden waren. Und den sie jetzt wieder zeigen, wenn Asylbewerber-Unterkünfte in Flammen aufgehen. Wie immer bei Prominenten, die mit Kulturschaffenden Europas befreundet waren, bringt auch Winifred zahllose Reinwäscher im Gepäck ihres Verteidigers mit.“

„Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizieren reinwaschen“, lautet der Untertitel, den Frank für sein Buch gewählt hat. Das sagt schon so ziemlich alles, spricht die Zwiespältigkeit und manchmal auch unfreiwillig komischen Seiten an, die den Umgang mit der nationalsozialistischen Geschichte und den NS-Verbrechen in Deutschland prägten und bis heute belasten.

Am Anfang der politisch fatalen Entwicklung stand, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Ermordung von Millionen Menschen nicht in ihre dunkle Vergangenheit hineinleuchten lassen und schon gar nicht sich aktiv, um nicht zu sagen pro-aktiv, damit auseinandersetzen wollte. „Nazi-Riecherei“ nannte Bundeskanzler Adenauer dies despektierlich, wenn Menschen sich mit der Geschichte befassen und daraus lernen, die Schuldigen bestrafen und wiedergutmachen wollten. Soweit das überhaupt noch möglich war. Der Bundeskanzler stellte den Mitläufer*innen und Angepassten damit den gewünschten Freibrief aus. Als gewissenhafte Werkzeuge der Gewissenlosigkeit sollten sie unschuldig und lediglich Opfer einer bösen Führung oder Fügung gewesen sein.

Dies aufgedeckt zu haben, lässt sich die deutsche Erfolgsgeschichtsschreibung in Sachen NS-Vergangenheit seit einigen Jahren bescheinigen und lässt sich Orden für diese Aufklärungsarbeit ans Revers heften. Wieso dann aber diese angesichts der Fakten eher heuchlerisch wirkende Überraschung angesichts von neuem/alten Nationalismus und brennenden Unterkünften von Menschen, die vor Terror und Krieg zu uns fliehen mussten? Welche Konsequenzen haben herrschende Politik und tonangebende Wissenschaft aus ihren Erkenntnissen für die Praxis der Menschenrechte gezogen?

Niklas Frank zeigt mit seinem Buch auf, wie sich die Angehörigen der viel beschworenen deutschen „Volksgemeinschaft“ nach dem Sieg der Alliierten über das Nazi-Regime gegenseitig Persilscheine ausstellten, um sich von den Verbrechen und ihrer Mitwirkung daran reinzuwaschen. Bloß wiederaufbauen wollten sie nach dem demütigenden Untergang ihres „Dritten Reiches“, damit so schnell wie möglich alles wieder „wie früher“ und „beim Alten“ sein sollte.

Die übergroße Mehrheit der Deutschen betrachtete sich selbst als Opfer, die von ihrem geliebten Führer Hitler und seinen Satrapen, den Himmler, Heydrich, Göring, Goebbels und ein paar anderen Nazi-Schergen verraten wurden. Als hätte es nicht Millionen Parteimitglieder gegeben, die ihren eigenen Nationalsozialismus verwirklichten. Und als hätten nicht Millionen Deutsche ungerührt und untätig hingenommen, dass ihre Nachbarn zuerst entrechtet, dann enteignet und schließlich in Ghettos, Arbeits- und Vernichtungslager „im Osten“ deportiert wurden.

Die deutschen Spruchkammern, das kann man den teilweise humorvoll, teilweise wütend und derb kommentierten Beispielen entnehmen, die Niklas Frank in großer Zahl aus den Archiven zusammengetragen hat, spielten das böse Spiel der Reinwaschung mit. Der Dietz-Verlag schreibt in seiner Ankündigung, das Buch sei zum Staunen, wütend werden und bitteren Lachen. „Kein Nazi nirgends“, lautet entsprechend das Resümee der tageszeitung über das 579 Seiten umfassende Werk.[1] Es handelt sich um eine Zusammenstellung von rund 150 Einzelfällen, manche nur ein paar Zeilen oder Absätze lang, manche eher ausführlicher, wenn es um die Darstellung der Rechtfertigungen geht, die Einzelne für ihr Handeln aufstellten. Zugleich eine zornige Abrechnung des Sohnes mit seinem Vater Hans Frank, dem im Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt ehemaligen NS-Generalgouverneur des von den Nazis besetzten Polen. Aus jeder Zeile der Kommentare spricht einer, der die Nazi-Geschichte kennt und ihre Fortsetzung nach 1945 aus tiefster Seele beklagt.

Beiläufig ist in dieser Geschichte nichts


Das Buch zeigt auf, wie die Angepasstheit an die Macht funktioniert, wie politischer Antisemitismus und Nationalismus Hand in Hand gehen und schon immer in der Mitte der Gesellschaft zu suchen sind. Ebenso das damit verbundene Sicherheitsdenken und der Ruf nach dem Gesetzgeber in einer Welt, die sich gegenüber dem Anderen öffnet. Die sich längst geöffnet hat, womit sich jedoch offenbar auch heute Viele – Globalisierung hin oder her – noch immer nicht wirklich auseinandersetzen können oder wollen.

Indem die Lektüre eindrücklich erahnen lässt, wie schwer der Abschied und die Loslösung von den Nazi-Eltern ist oder sein muss, liefert sie auch eine Erklärung für die wiederholten gesellschaftlichen Rückwärtsbewegungen, von denen wir gerade wieder eine erleben. Der Autor Niklas Frank kommt direkt oder indirekt – seine zornige Sprache spricht Bände – immer wieder auf die eigene Geschichte zurück. Sein Versuch der Loslösung von Vater und Mutter, die sich, wie so Viele mit ihnen, skrupellos am Eigentum der Verfolgten bereichert und beim Morden mitgemacht oder zugeschaut haben, ist beim Lesen ständig präsent. Wie damit umgehen, wie damit leben? Nicht zuletzt wenn man die Abrechnung des Sohnes mit Brigitte Frank und überhaupt der Nazi-Prominenz liest, ist die Bitterkeit, aber auch der gesunde Zorn desjenigen nachvollziehbar, der sich aus dieser Geschichte befreien musste und dies immer wieder neu tun muss. „Aus privatem Interesse“, schreibt Niklas Frank wie beiläufig, habe er „ein paar Prominente“ in seiner Sammlung „untergemischt“. Aber „beiläufig“ ist in dieser Geschichte eben nichts, der Autor muss sich damit zu Genüge herumquälen.

Dirk Blasius schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von „grobschlächtigen“ Kommentaren des Autors, der „Bemerkenswertes“ aus den Akten der Spruchkammern gehoben habe[2]. In seiner Anstößigkeit, die beim Lesen manchen lästig sein mag, hat Niklas Frank jedoch ein wichtiges Buch geschrieben. Wer will im Zuge unseres international gelobten Negativgedächtnisses und unserer nationalen deutschen Kultur der Erinnerung heute schließlich noch über die politische und menschliche Hypothek der gescheiterten Entnazifizierung und ihre Folge nachdenken geschweige denn offen sprechen?

Der Widerstand der Opfer und Überlebenden, die für Aufklärung und Entnazifizierung, für die Bestrafung der Schuldigen und den Aufbau einer neuen humanen Rechtsordnung kämpften, ist mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt worden. Ihr unermüdliches Eintreten für Wahrheit und Gerechtigkeit ist sozusagen glatt gebügelt, subsumiert unter dem Begriff „Erfolgsgeschichte Bundesrepublik“ einer nationalen Erinnerungskultur einverleibt worden, die keine Kritik und keinen Widerspruch mehr zu dulden scheint. Manche nennen dies auch Staatsräson.


Kein Täter nirgends, nur "Betroffene"


Wie es dazu kommen konnte, zeigen die Beispiele in Niklas Franks Buch auf, dessen Zorn berechtigt und notwendig ist. Das Lachen bleibt einem in den meisten Fällen, die er schildert und kommentiert, im Halse stecken. Seine Geschichten handeln Täter*innen und vor allem von Mitläufer*innen, die nach 1945 so gut wie alle keine gewesen sein wollen, auch nicht oder erst recht nicht, wenn sie an maßgeblicher Stelle für das Unrechtsregime tätig gewesen sind. Dementsprechend werden sie von den deutschen Spruchkammern als Minderbelastete in die Kategorie der kleinen, angeblich harmlosen Nazis eingestuft und meist kurz darauf entlastet. Nicht anders als in den Urteilssprüchen der Richter in den NS-Prozessen, die in den Spiegel der deutschen Seele schauten, der ihnen vorgehalten wurde: Dass man nichts wusste, niemand etwas ahnte und folglich man auch nichts tun konnte. Wie gesagt: Kein Nazi nirgends. Bei Niklas Frank wird dies Phänomen unter „Antialkoholiker“ verbucht:

„Im Spruchkammerurteil vom 20. Dezember 1948 heißt es über Leonhard Frischmann, geb. 1888:

Die Kammer konnte dem Betroffenen in keiner Weise ein brutales Verhalten oder verbrecherische Handlungen nachweisen. Aus den Erklärungen geht hervor, dass der Betroffene nie ein voller Nationalsozialist war.“ (Frank, S. 292)

„Der Betroffene“ – auch dies kleine Wörtchen zeigt untrüglich, wie aus Tätern nach 1945 plötzlich die eigentlichen Opfer werden sollten. Ein „Betroffener“ oder eben von der Entnazifizierungsgesetzgebung „Nicht-Betroffener“ reihte sich zwischen 1946 und 1952, dem offiziellen Abschluss der Entnazifizierung, an den anderen. Besonders eindrücklich solche Fälle, wie sie vor Spruchkammern in Bayern verhandelt wurden. Beispielsweise der Fall von Emmy Göring vor der Spruchkammer in Garmisch-Partenkirchen oder der des Komponisten und Dirigenten Hans Pfitzner und der des Volkskomikers Weiß Ferdl, Mitglied der NSDAP seit 1937 und bei Frank unter der Überschrift „Hitlers arischer Enkel“ trefflich vorgestellt, vor Spruchkammern in München. (Frank, S. 254 ff., S. 170 ff., S. 199 ff.)

Würden mehr solcher zornigen Bücher wie das von Niklas Frank geschrieben und gelesen, könnten sie zu der Kehrtwende beitragen, die notwendig ist, um aus der Bußfertigkeit und dem Bewältigungsstolz eines deutschen Negativgedächtnisses wieder herauszukommen, das die positiven Seiten menschlicher Geschichte offenbar vollständig verdrängen will oder dies schon getan hat – zu Lasten von Widerstand und Ungehorsam, die unsere Demokratie und die Menschrechte immer und gerade jetzt wieder so dringend brauchen.


Anmerkungen

[1] http://dietz-verlag.de/isbn/9783801204051/Dunkle-Seele-Feiges-Maul-Wie-skandaloes-und-komisch-sich-die-Deutschen-beim-Entnazifizieren-reinwaschen-Niklas-Frank

[2] http://www.faz.net/aktuell/politik/politische-buecher/entnazifizierte-deutsche-hindenburgs-abwendung-14527567.html