10.03.2017

Ist es Geschichtsvergessenheit oder populärer Mainstream? 

Irmtrud Wojak
Das Bauer Institut in Frankfurt am Main kündigt auf seiner Facebook-Seite derzeit die Eröffnung seiner Ausstellung über den Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer in Dresden so an: "Fritz Bauer hat als Generalstaatsanwalt in Braunschweig und in Hessen, der den Frankfurter Auschwitz-Prozess auf den Weg brachte, bundesrepublikanische Geschichte geschrieben. Dabei blieb sein Leben nicht unberührt von den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung dokumentiert seine Lebensgeschichte im Spiegel der historischen Ereignisse. Als Jude und Homosexueller blieb Fritz Bauer von Ausgrenzung und Verfolgung nicht verschont. Als Sozialdemokrat glaubte er dennoch an den Fortschritt, dann trieben ihn die Nationalsozialisten in die Emigration. Als Jurist und Strafrechtsreformer trat für ihn an die Stelle der Staatsräson um jeden Preis der Schutz der Würde des Einzelnen, gerade auch gegen staatliche Gewalt – ein großer Schritt auf dem Weg zur Demokratie.“

Fritz Bauer habe „bundesrepublikanische Geschichte“ geschrieben heißt es, und er sei dabei "nicht unberührt“ geblieben von den „Verwerfungen des 20. Jahrhunderts“. Dass die Leidensgeschichte eines Verfolgten des Nazi-Regimes und ein kämpferisches Juristenleben mittlerweile so harmlos daherkommen kann - er brachte den Auschwitz-Prozess "auf den Weg“ klingt eher wie ein Spaziergang - wundert nach dem preisgekrönten Mainstream-Spielfilm „Der Staat gegen Fritz Bauer“ nicht. Auch wenn es gewiss nicht Bauers Vorstellungswelt entsprach, „bundesrepublikanische Geschichte“ zu schreiben, weder freiwillig noch unfreiwillig, wird er auf Biegen und Brechen einer „Erfolgsgeschichte Bundesrepublik“ und nationalen Kultur der Erinnerung einverleibt. Als wäre nicht gerade sein Leben der ebenso mutige wie traurige Beweis dafür, dass diese bundesrepublikanische Erfolgsgeschichte bloß die halbe Wahrheit ist - eine Verkündung auf dünnem Eis.

Aber es geht noch weiter. „Als Jude und Homosexueller“, heißt es definitorisch, sei Bauer von Ausgrenzung und Verfolgung "nicht verschont geblieben". Fritz Bauer, den die nationalsozialistischen Rassisten, Antisemiten und Nationalisten in den 20er und 30er Jahren zum „Juden“ deklarierten, der sich selbst aber als „glaubenslos“ bezeichnete und kein Mitglied einer Religionsgemeinschaft war, von dem keiner weiß, ob er homosexuell war oder nicht - einzige Quelle dafür ist eine Akte einer mit den Nazis kollaborierenden dänischen Fremdenpolizei, in der zudem auch das Gegenteil nachlesbar ist - wird wieder zum „Juden“ und „Homosexuellen“ deklariert. „Noch immer können sie ihn nicht in Ruhe lassen“, sagte vor anderthalb Jahren der damalige Außenminister Frank Walter Steinmeier dazu.

Sind wir über solche Zuschreibungen noch immer nicht hinaus? Woher kommt diese Sichtweise? Als hätten die Nazis nur eine oder einen Einzigen verschont, der nicht zu ihrer so genannten „Volksgemeinschaft“ gehören sollte. Der Rassismus der Nazis wird ausgeblendet und stattdessem neuem Rassismus zum Tanz aufgespielt. Oder soll mit dieser alten/neuen Definition behauptet werden, die Nazis hätten den Sozialdemokraten Bauer verschont, aber den Juden Bauer ins KZ gesperrt? Was wäre das dann für ein Geschichtsbild?

Weil er als Sozialdemokrat gegen die Nazis gekämpft hat, kam Fritz Bauer 1933 unmittelbar nach der so genannten Machtergreifung ins KZ. Doch von dem Sozialdemokraten distanziert sich das Institut: „als" solcher soll Bauer, der zum "Juden“ deklariert wird, dann sogar tatsächlich „gläubig“ gewesen sein, ja sogar „dennoch“ - also obwohl er Jude und Homosexueller war? - "an den Fortschritt" geglaubt haben. Was für eine Verkennung der Lebensgeschichte und des juristischen Werkes des Namensgebers des Holocaust-Forschungsinstituts.

Als müsste dem Helden eine Krone aufgesetzt werden, wird behauptet, für Fritz Bauer sei "an die Stelle der Staatsräson um jeden Preis der Schutz der Würde des Einzelnen" getreten. Dies wird als „großer Schritt auf dem Weg zur Demokratie“ bezeichnet. Was steckt dahinter für eine Kampfmoral, etwa die jeder gegen jeden? Ein „um jeden Preis“ lag Fritz Bauer völlig fern. Der Jurist betonte, dass das Recht des Einzelnen nicht der Willkür einer Staatsmacht untergeordnet werden darf, die Unrecht zu Recht erklärt. Dass es notwendig ist, „Nein“ zu sagen, wenn die Würde des Menschen verletzt wird, die eigene und die von „Anderen“ - in diesem Fall die Würde des Generalstaatsanwalts Dr. Fritz Bauer, die zu verteidigen ist.