10.11.2017

Thomas Galli

Zur Neuauflage des Handbuchs „Resozialisierung“


Rezension: Heinz Cornel, Gabriele Kawamura-Reindl, Bernd Rüdeger Sonnen, Resozialisierung: Handbuch. 4., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage, Baden-Baden: Nomos, 2018, 661 S., broschiert, ISBN 978-3-8487-2860-2.


Der Begriff der „Resozialisierung“ ist, mit all seinen Schattierungen und Schwächen, ein Kernbegriff moderner Kriminologie und Kriminalpolitik. Unter diesen Begriff wird, auch als Gegenentwurf zu der im Wesen rückwärtsorientierten Vergeltung, vieles von dem gefasst, was Staat und Gesellschaft mit (potentiellen) Straftäterinnen und -tätern tun, um sie zu einem künftigen Leben möglichst ohne Straftaten zu bewegen. Historisch gesehen ist es als deutlicher Fortschritt zu werten, dass wir nicht mehr um der reinen Rache und Abschreckung willen strafen. Fritz Bauer („Die Rückkehr in die Freiheit: Probleme der Resozialisierung,“ in: Schuld und Sühne, hrsg. v. Burghard Freudenfeld. München: C. H. Beck, 1960, S. 139–149, hier S. 148) hat dies auf den Punkt gebracht: „Wer mit dem Strafrecht abschrecken, wer Furcht und Zittern erregen will, der muss Festungswälle, Dunkelzellen, Wasser und Brot, Kettengerassel und die Tretmühle sinnloser Beschäftigung fordern. Er wird freilich keinen Mitbürger mit sozialkonformem Verhalten die Zwingburg verlassen sehen, sondern gebrochene, lebensunfähige Menschen, manchmal auch gefährliche Bestien. Die härtesten Strafen des Mittelalters haben nicht abgeschreckt und nicht gebessert.“ Er hat daher bereits im Jahre 1960 (a.a.O., S. 149) gefordert: „Resozialisierung fordert individuelle, gezielte Maßnahmen. Freiheitsentzug, der taxenmäßig zuerkannt wird, wird in einem Fall zu lang, im anderen zu kurz sein. Freiheitsentzug mag überhaupt ein ungeeignetes Mittel sein, die soziale Frage zu lösen, die der konkrete Fall aufwirft. Vorläufig will die Öffentlichkeit und das geltende Recht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, sie wollen abschrecken und vergelten und dabei gleichzeitig resozialisieren. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wer Plus und Minus addiert, erhält Null.“ 

Das im Nomos-Verlag veröffentlichte Werk Resozialisierung gibt einen hervorragenden Über- und Einblick dazu, wie weit wir fast sechzig Jahre später gekommen sind, was derzeit konkret unter Resozialisierung zu verstehen ist, welche Maßnahmen, Konzepte und Institute es gibt, wie weit ganz allgemein der Resozialisierungsgedanke in Deutschland verfestigt ist und wo es noch Entwicklungspotential gibt.

Acht Jahre nach der 3. Auflage legen Heinz Cornel, Gabriele Kawamura-Reindl und Bernd-Rüdeger Sonnen die grundlegend überarbeitete und erweiterte 4. Auflage des Handbuchs der Resozialisierung vor. Der Mitherausgeber der ersten drei Auflagen, Bernd Maelicke, hat den Kreis der Herausgeber verlassen.

08.11.2017

Kurt Nelhiebel


Büste des tschechischen Nationalhelden „beseitigt“

Die Büste des tschechischen Widerstandskämpfers Julius Fučík (1903-1943) wurde aus dem Pantheon des Nationalmuseums entfernt.

Bremen (Weltexpresso) – Am 8. September jährt sich der Todestag des tschechischen Nationalhelden Julius Fučík, der wegen Widerstandes gegen die Besetzung seiner Heimat durch Nazi-Deutschland vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und in Berlin-Plötzensee durch den Strang hingerichtet wurde. Seine Reportage, unter dem Strang geschrieben, basierend auf Notizen aus der Haft, wurde in rund neunzig Sprachen übersetzt und gehört zum Kanon der Weltliteratur. Dessen ungeachtet haben antikommunistische Eiferer in einem beispiellosen Akt des Vandalismus die Büste Julius Fučíks aus dem Pantheon des tschechischen Nationalmuseums entfernt. Kurt Nelhiebel, ein aus seiner böhmischen Heimat vertriebener Sudetendeutscher, schrieb deswegen den nachfolgend abgedruckten Brief an den tschechischen Kulturminister Daniel Herman, ehemals Sprecher der tschechischen Bischofskonferenz und seit Jahren Wegbereiter der Sudetendeutschen Landsmannschaft in der Tschechischen Republik. Die Redaktion


Sehr geehrter Herr Minister,

vor kurzem habe ich erfahren, dass die Büste des tschechischen Widerstandskämpfers Julius Fučík aus dem Pantheon des Nationalmuseums in Prag entfernt worden ist. Wie der Museumsdirektor Michal Lukeš bekannt gab, wurde sie bereits 1991 beseitigt. Er sagte wirklich beseitigt, so als handle es sich um Abfall. Angeblich geschah das wegen Fučíks „ideeller Verbindung zum kommunistischen Regime“.

Fučík ist 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet worden, also fünf Jahre vor der Errichtung des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei. Er kann folglich weder eine ideelle noch sonst eine Verbindung zu diesem Regime gehabt haben. Richtig ist, dass er Mitglied der Kommunistischen Partei war. Dass seine Büste während des kommunistischen Regimes ins Nationalmuseum kam, rechtfertigt nicht ihre Entfernung. Sie ist ein Affront gegenüber allen Opfern des Naziregimes.

Julius Fučík gehört zu den herausragenden Persönlichkeiten des europäischen Widerstandes und genießt weltweit hohes Ansehen. Menschen wie er werden anderswo als Nationalhelden verehrt, so zum Beispiel der Widerstandskämpfer Jean Moulin in Frankreich und Manolis Glezos in Griechenland. Sollen die Tschechen Fučík nicht mehr ehren dürfen, weil ihn das kommunistische Regime für seine Zwecke benutzt hat?

31.10.2017

Irmtrud Wojak

Auschwitz-Prozess - 4 Ks2/63 - Frankfurt am Main

Die Verfahrensunterlagen und Tonbandaufnahmen des von dem Juristen Fritz Bauer (1903-1968) initiierten ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses (1963-1965) wurden, wie die deutsche UNESCO-Kommission auf ihrer Webseite mitteilt, als UNESCO-Weltdokumentenerbe ausgezeichnet. Die Kommission tagte vom 24. bis 27. Oktober in Paris.

In dem Prozess, dessen Anklage vom Frankfurter Generalstaatsanwalt Bauer mit einem Team junger Staatsanwälte vorbereitet wurde und für den Bauer historische Gutachten erstellen ließ, die bis heute zur Grundlagenforschung über den millionenfachen Mord in Auschwitz gehören, sagten 221 Zeuginnen und Zeugen aus – Überlebende von Auschwitz und anderer Lager.

Ohne den Mut und die enorme Anstrengung, die die Überlebenden damals auf sich nahmen, indem sie vor einem deutschen Gericht die Wahrheit über Auschwitz und das infame System einer quasi industriellen Mordmaschinerie bezeugten, wäre der Prozess kein solcher historischer Einschnitt geworden. Die Überlebenden von Auschwitz nahmen es auf sich, nahezu unvorstellbare Leidenserinnerungen wiederaufleben zu lassen, während die Angeklagten weder Reue noch Bedauern kannten.

Die Tatsache, dass der Prozess überhaupt zustande kam, ist Überlebenden des Nazi-Regimes zu verdanken. Dass das Gerichtsverfahren Licht in das Dunkel der Geschehnisse von Auschwitz brachte, wäre anhand der vorhandenen Dokumente möglich gewesen. Den Stimmen der Überlebenden und ihren Erinnerungen verdanken wir jedoch viel mehr. Sie sind der lebendige Beweis der Stärke menschlichen Geistes, den die Nazis nicht zerstören konnten.

26.10.2017


Preisverleihung der Humanistischen Union Südbayern

Für ihren Einsatz zur Verlegung von Stolpersteinen in München sowie ihren unermüdlichen Beitrag zur Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern erhalten Judith und Reiner Bernstein den Preis „Aufrechter Gang" der Humanistischen Union München-Südbayern (HU).

Judith Bernstein ist in Jerusalem geboren als Tochter deutscher Juden, die nach Palästina auswandern mussten. Dr. Reiner Bernstein ist Historiker und Publizist; er hat sich in vielen Schriften mit der Situation im Nahen Osten auseinandergesetzt.

Im Vorstand der „Initiative Stolpersteine für München“ haben beide jahrelang gemeinsam für die Verlegung der Stolpersteine auf öffentlichem Grund gekämpft. Immer wieder wurde ihre Arbeit vom Münchner Stadtrat behindert und die Verlegung auf öffentlichem Grund verboten, obwohl bereits in fast 1200 deutschen Kommunen Stolpersteine zum Gedenken an die Opfer der Nazidiktatur verlegt wurden.

In zahlreichen Veranstaltungen zur friedlichen Regelung des Nahostkonflikts haben Judith und Reiner Bernstein sich engagiert. Sie treten für die politische Koexistenz beider Völker ein und setzen dafür ihre Kontakte zu israelischen und palästinensischen Friedensgruppen ein. Auch in der Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe sollen Brücken des Verständnisses und der Zusammenarbeit gebaut werden.


Zur Pressemitteilung 

der HUMANISTISCHEN UNION e.V.

Die Bürgerrechtsorganisation vereinigt mit der Gustav Heinemann-Initiative, Regionalverband München-Südbayern

25.10.2017

Susanne Berger und Björn Tunbäck

William F. Browder auf dem World Economic Forum, Jährliches Treffen 2011,CC-BY-SA-2.0 Svenska Dagbladet: Interview of Susanne Berger and Björn Tunbäck with Bill Browder about the need for a Global Magnitsky Act

In November 2009, 37-year-old Russian tax lawyer Sergei Magnitsky was jailed and brutally killed after exposing a massive tax fraud scheme committed against his employer, the British investment company Hermitage Capital Management, by Russian authorities and the Russian mob. Susanne Berger and Björn Tunbäck interview businessman Bill Browder about his tireless campaign to bring Magnitsky's murderers to justice and his hope that a global expansion of the so-called Magnitsky Act will provide human rights advocates with important new tools in their fight to hold human right violators accountable.

To the interview (PDF)


Susanne Berger and Björn Tunbäck

Svenska Dagbladet: Interview mit Bill Browder über die Notwendigkeit eines globalen Magnitsky-Gesetzes

Im November 2009 wurde der 37-jährige russische Steueranwalt Sergei Magnitsky inhaftiert und brutal getötet, nachdem er einen massiven Steuerbetrug gegen seinen Arbeitgeber, die britische Investmentgesellschaft Hermitage Capital Management, seitens der russischen Behörden und der russischen Mafia aufgedeckt hatte. Susanne Berger und Björn Tunbäck interviewen den Geschäftsmann Bill Browder über seine unermüdliche Kampagne, Magnitskys Mörder vor Gericht zu bringen, und seine Hoffnung, dass eine globale Ausweitung des so genannten Magnitsky-Gesetzes Menschenrechtsanwälte mit wichtigen neuen Instrumenten in ihrem Kampf ausstatten wird, Menschrechtsverletzer zur Verantwortung zu ziehen.

Zum Interview (PDF)